In Stuttgart wird eine Alternative zum Altenwohnheim ausprobiert

In meiner Wohngemeinschaft kann jeder tun und lassen, was er will. Wenn er mal mit einem Schwips nach Hause kommt, dann müssen ihm eben die anderen helfen; oder wenn er mal krank ist, Rückenschmerzen hat oder ihm die Nieren weh tun, dann ist es eben das kollegiale Helfen, das man erwarten kann. Darin liegt ja die Stärke einer Wohngemeinschaft. Eberhard Wiedemann, 67 Jahre alt, Damenschneider und Hobbykoch, in Berlin geboren, aber seit zwanzig Jahren in Stuttgart zu Hause, weiß, was er sagt. Er ist einer von knapp 12 Millionen Rentnern in der Bundesrepublik und gründete mit drei anderen rüstigen Rentnern vor zwei Jahren die erste und noch immer einzige Rentnerwohngemeinschaft in der Bundesrepublik.

Eberhard Wiedemann hatte ausgerechnet, was ihn ein Platz in einem Altenwohnheim oder gar in einem der luxuriösen Seniorenwohnheime kosten würde. Er hatte in Erfahrung gebracht, daß etwa 70 Prozent der Altenwohnheimbewohner eine zu kleine Rente empfangen, um damit einen Wohnplatz selbständig bezahlen zu können. Sie sind auf die Sozialfürsorge angewiesen. Nach einem arbeitsreichen Leben bleiben den alten Menschen dann letztlich ganze 50 oder 60 Mark Taschengeld. Und wer gern einmal eine Zigarre raucht oder einen trinken gehen möchte, der kann seinen Lebensabend mit zwei bis drei Mark pro Tag nicht genießen.

200 Mark inklusive

Die Alternative zum Leben im Altenheim sah Eberhard Wiedemann in einer Rentnerwohngemeinschaft. „Was die Jungen können, können die Alten erst recht“, war sein Argument, und mit Elan machte er sich daran, Gleichgesinnte und eine passende Wohnung zu suchen. Zwei Jahre dauert es, bis er eine Fünf-Zimmer-Wohnung im Hochparterre einer ruhigen und dennoch zentralgelegenen Straße gefunden hatte. Mitbewohner zu finden, war mindestens genauso schwer; denn auf die ersten Annoncen in der Lokalzeitung: „Rentner für Wohngemeinschaft gesucht“, meldete sich niemand. Erst als Eberhard Wiedemann „möblierte Zimmer für Rentner“ anbot, konnte er drei etwa gleichaltrige Männer für seine Idee begeistern.

Jeder sollte sein Zimmer mit Waschbecken bekommen; ein Hobbyraum mit Farbfernseher und eine Küche mit vier Kochplatten standen bereit. Inklusive Heizung und Bettwäsche, so hatte Eberhard Wiedemann ausgerechnet, müßte jeder 200 Mark bezahlen. Selbst bei einer kleinen Rente blieb dann noch ein ganz gutes Taschengeld übrig. Frauen wollte man nicht in die Wohngemeinschaft aufnehmen, weil man auf sie zuviel Rücksicht nehmen müsse, meinte Eberhard Wiedemann gentleman-like; man könne dann nie ohne Zähne oder im Schlafanzug frühstücken.

Schließlich bezogen die vier experimentierfreudigen Rentner ihre Fünf-Zimmer-Wohnung. An der Tür zum Gemeinschafts- und Hobbyraum war zu lesen: „Die Hausordnung ergibt sich aus der moralischen Einstellung des einzelnen zur Gemeinschaft.“