Samstag, der 25. Juni, pünktlich um 11 Uhr, stellen in Frankfurt Behinderte der Deutschen Bundespost ein "Geschenk" zu. An diesem Samstag biegt kurz vor elf eine Blaskapelle auf Frankfurts Hauptverkehrsstraße "Die Zeil". Den Bläsern folgt ein Bauschild "Behinderte bauen das neue Frankfurt". Dahinter ein Zug von fünfzig Behinderten, Freunden, Angehörigen.

Der Zug nähert sich langsam der Hauptpost, schiebt die Passanten im Operettentakt zur Seite ("Ich bin die Christel von der Post"). Ein Trupp sperrt Haupteingang und Bürgersteig ab. Ein Postillon in historischer Tracht informiert die Menschenmenge über Megaphon: "In der Operette heißt es: Nur nicht gleich, nicht auf der Stell’, denn bei der Post geht’s nicht so schnell. Der Behinderten-Zeittakt der Post: drei Jahre." Und dann erklärt er die Vorgeschichte:

Behinderte des Frankfurter Volkshochschulkurses "Bewältigung der Umwelt" hatten die Hauptpost im Februar 1974 erstmals getestet und im Mai mit dem Prädikat "behindertenfeindlich" ausgezeichnet. Die Post, sie hatte gerade eine Sonderbriefmarke "Behinderte eingliedern" herausgegeben, beeilte sich mit Erklärungen ihrer Pressestelle: Man wolle den Behinderten helfen, wolle eine Rampe bauen und für Rollstuhlfahrer geeignete Telephonzellen errichten.

Auch die politischen Gremien reagierten schnell. Der Ortsbeirat stellte den Antrag, unverzüglich eine Auffahrtsrampe zu errichten. Bereits im August 1974 berichtete der Magistrat der Stadtverordnetenversammlung, die Hochbauabteilung der Oberpostdirektion habe einen Vorschlag ausgearbeitet, eine provisorische Rampe zu bauen. Die Zustimmung sei bereits erteilt.

Im September 1974 verspricht die Post, die Rampe stehe im April oder Mai nächsten Jahres. Im Oktober meldet eine Frankfurter Tageszeitung bereits: "Behinderte kommen in die Post."

Seitdem plant die Post. Und plant und plant und plant. Erst im Juli 1976 wird sie wieder gemahnt. Die Post antwortet: "Leider ist es uns nicht möglich, die von Ihnen beanstandeten Umstände unverzüglich abzustellen." Vermutlich dauere es bis 1978, wenn dann ohnedies die Schalterhalle umgebaut werde.

Die Post wird darauf hingewiesen, daß eine provisorische Rampe bereits 1974 genehmigt und von der Pressestelle als gebaut vermeldet worden sei. Ende August 1976 sagt die Post eine erneute Prüfung zu. Über das Ergebnis werde "eingehend" unterrichtet.