An diesen Sommerabenden befindet sich Bonn in außerordentlicher Bewegung. Wagenkolonnen mit gehobenen Hubräumen, vor allem mit der bekannten Untertürkheimer Repräsentationsmarke, strömen kreuz und quer durch das Rheintal. Sie folgen kalligraphisch fein geschriebenen Anweisungen auf Bütten oder steifem Karton. Denn bevor sich nach dem Parlament auch die übrige politische Welt in den Urlaub begibt, freuen sich Minister, Diplomaten, Landesbevollmächtigte und Lobbyisten, andere Minister, Diplomaten, Landesbevollmächtigte und Lobbyisten samt allen, die sonst noch die Bonner Gesellschaft ausmachen, zum Sommerfest einladen zu können.

An diesem Freitagabend freut sich der Kanzler. Er freut sich wirklich. Denn sein Sommerfest schrieb ihm allmählich richtig Spaß. Er sei, so schrieb er an den Rand des diesjährigen Programmentwurfs, „zu (fast) allen Schandtaten bereit“. Zum Beispiel wird er einen Witz Orgel len, Shakespeare rezitieren und auf der Orgel spielen.

Freilich läßt sich dies bei 2000 Gästen nur mittels einer Telephonbar bewerkstelligen, wo man die Kanzlerdarbietungen vom Tonband abrufen kann. Das Tonband aber hat mit dem Motto des Festes zu tun. Es heißt „Hat die Welt Töne“, und dieses Motto geht wiederum darauf zurück, daß Thomas Alva Edison vor genau 100 Jahren den Phonographen erfunden hat. Daraus haben ein paar findige Beamte im Kanzleramt ein Playback auf das Jahr 1877 gemacht. Ihre Variationen, Parodien und Persiflagen des Jubiläums und des Stichworts „Töne“ füllen ein seitenlanges Programm und ein dickes Festmagazin.

Das nimmt seinen Anfang etwa bei den Miniatur-Mundharmonikas, die den männlichen Gästen zur Begrüßung überreicht werden. Es setzt sich fort zum Beispiel mit den „Tollen Tonies“, einer Dixieland-Band aus Tontechnikerinnen des Süddeutschen Rundfunks. Nach der Begrüßung durch den Kanzler gibt es Can-Can. Neben einer Menge anderer Tonträger, darunter das Pasadena Roof Orchestra oder Schulzke’s Gemütstrupp (Schulzke richtig), sind Töne aus Trichtern zu hören, aus einer Auswahl der ältesten Grammophone. Es gibt festliche Töne des Beethoven-Orchesters, und als Tischdekoration ist an Tongefäßflöten aus Dänemark, Luxemburg und Portugal gedacht.

So vielen Tönen kommt entgegen, daß das Fest sowohl aus Gründen des Wetterrisikos wie der relativen Sparsamkeit im Saale stattfindet, nämlich im Theater der Stadt Bonn. Anders als der Kanzlerpark kann es in allen seinen Räumen nur eine begrenzte Zahl von Gästen aufnehmen.

Um so ungeheurer war der Andrang. Aber der erklärt sich nicht nur aus der Beschränkung auf Zweitausend, sondern noch mehr aus der Farbigkeit, die das Kanzlerfest dank liebevoller Akribie bis in scheinbar nebensächliche und entlegene Einzelheiten gewonnen hat. Sonst sind die Bonner bei ihren Geselligkeiten ja meist unter sich, und weil sie sich bis in die Abende hinein mit bieneneifriger Verbissenheit über ihre Akten beugen, wissen sie auch bei ihren Feten nur über Politik und nichts als Politik zu reden. Am Freitagabend aber werden sie, und handele es sich nur um Theaterkulissen, in eine Welt versetzt, aus der sie sich selber ausgesperrt haben. Wer kennt schon in der politischen Capitale am Rhein Synthesizer-Musik oder die Spiegel-Licht-Objekte Adolf Luthers?

Allerdings, der Ausflug in ganz andere Gefilde endet auch beim Kanzlerfest am politischen Rubikon. Haben sich Bruno Kreisky, Olof Palme und Anker Jörgensen angesagt, so werden andererseits Helmut Kohl und Franz Josef Strauß fehlen. Die Opposition ist nur durch vorgeschobene Beobachter vertreten, obwohl es ihr so schwer nicht fallen würde, dem Kanzler einen Teil der Blitzlichter zu stehlen. Aber die alte Unschuld, die einst das ganze politische Bonn bei Festivitäten zusammenführte, ist so gut wie dahin. Es wird getrennt gefeiert und pokuliert, schon gleich, wenn sich der Kanzler die Ehre gibt.