Nach 300 Jahren gab Frankreich seine letzte afrikanische Kolonie frei

Von Andreas Kohlschütter

Djibouti, im Juni

Am 11. März 1862 wurde zwischen Napoleon III. und den Stämmen von Djibouti ein Vertrag geschlossen, der Frankreichs Präsenz „auf ewige Zeiten“ sicherstellen sollte. Am Montag, dem 27. Juni 1977, wurde die Trikolore von französischen Troupiers mit feuchten Augen eingeholt. Wie üblich eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang – aber diesmal für immer.

Um Mitternacht ging dann am Fahnenmast vor dem „Weißen Haus“ an der stinkenden Mole die bläßlich grün-blau-weiße Fahne des neuen Staates hoch. Der französische Hochkommissar zog aus, Hassan Goulled, der neue Staatspräsident, zog ein. Djibouti wurde unabhängig, aus dem „Französischen Territorium der Afar und Issa“ wurde eine Republik. Ein Zwergstaat, halb so groß wie die Schweiz, mit 200 000 Einwohnern und 20 000 Kamelen. Eine Hauptstadt, in der die einen und die wenigen wie der liebe Gott in Frankreich, die anderen und die vielen wie eben die armen Teufel von Djibouti leben, im Chisson-Bidon und Barton Villes. Ein Hinterland, in dem nur Dornenbüsche und Steine gedeihen und, wie ein französischer Forscher schon 1841 in sein Tagebuch schrieb, unter der sengenden Sonne „Seele und Hoffnung vertrocknen“. „Bonjour tristesse“, meinte ein Pariser Funktionär zynisch, als die dumpftönige Nationalhymne der Republik zum erstenmal erklang.

Melancholie und Realität

Ohne Drama, mit viel Wendigkeit und persönlichen Worten, ging in dieser schwülen, windstillen Mondnacht eine Epoche zu Ende. Nach 300 Jahren hat die französische Kolonialmacht diesen letzten afrikanischen Stützpunkt freigegeben. Hier wurden einst jene Dampfer mit Kohle ausgeladen und mit Wasser vollgetankt, die dann Kurs auf Madagaskar und Indochina nahmen und das Kolonialreich zusammenhielten. Von hier aus versuchte Frankreich einst eine große Bresche quer durch den Kontinent, über Äthiopien, den Sudan bis hinüber nach Westafrika und zum Kongo zu schlagen.