Von Ulrich Schiller

Washington, im Juli

Mit der Absage an den Bau einer neuen Bomberflotte vom Typ B-1 und der Orientierung der strategischen Nuklearstreitkräfte auf die Cruise Missile hat Präsident Carter die folgenschwerste Entscheidung in seiner bisherigen Amtszeit gefällt. Sein Schritt offenbart einen Wandel in der strategischen Doktrin Amerikas. Zum einen rückt er die bisher schon geringen Aussichten auf den Abschluß eines zweiten Abkommens mit Moskau über die Begrenzung strategischer Waffen in die Nähe des Nullpunktes. Zum anderen weist sein Entschluß Jimmy Carter in amerikanischen Augen als einen Präsidenten mit der vor allem Harry Truman nachgerühmten Qualität aus, eine umstrittene Frage statt mit innenpolitisch motivierten Kompromissen durch einen klaren Schnitt zu beantworten.

Seit mehr als 15 Jahren galt der bemannte Bomber, der mit seiner tödlichen Last bis zum feindlichen Zielgebiet eindringen kann, neben den landgestützten Interkontinentalraketen und den aus U-Booten abgefeuerten ballistischen Raketen als ein gleichwertiges Instrument der Abschreckung. „Triade“ wird der untereinander koordinierte Dreierverbund genannt. Die aus 21 Geschwadern vom Typ B-52 und vier Geschwadern vom Typ FB-111 bestehende Bomberflotte hätte im Ernstfall 60 Prozent der in Megatonnen gemessenen amerikanischen Nuklearsprengkraft ins Zielgebiet zu schleppen. Seit mehr als 15 Jahren auch hat die Luftwaffe an einem neuen Bomberprogramm gewerkelt, denn der Abschuß von Gary Powers’ U-2 hatte schon 1960 den Beweis erbracht, daß die sowjetische Luftverteidigung den in großer Höhe operierenden B-52 in zunehmendem Maße gewachsen war.

Das neue Konzept der Air Force hieß deshalb Unterfliegen des feindlichen Radargürtels. Der erste B-52-Nachfolger, die B-70, wanderte Mitte der sechziger Jahre ins Luftwaffenmuseum von Dayton, Ohio, nachdem Verteidigungsminister McNamara die Zuwendungen gestrichen hatte. Als die Firma Rockwell International 1969 die Pläne für die B-l vorlegte, verschrieb sich daher die Luftwaffe diesem Projekt mit Haut und Haaren. In der Hoffnung auf den Superbomber ließ die Luftwaffe sogar die Marine mit der Entwicklung eines elektronisch gesteuerten Flugkörpers mit eigenem Antrieb, der Cruise Missile, auf großem Vorsprung von dannen ziehen. Die B-1 hatte nur einen Fehler – sie war zu teuer. Die Beschaffung der von der Air Force gewünschten 244 Maschinen zu je 100 Millionen Dollar plus Ersatzteile, Betrieb, Bewaffnung und Lufttankerflotte hätte die Bereitstellung von über 100 Milliarden Dollar in den nächsten zwei Jahrzehnten erfordert. Allein an den horrenden Kosten entzündete sich der Widerstand großer Teile der Öffentlichkeit. Außerdem wollten die Warnungen nie verstummen, daß es nicht lange dauern werde, bis auch die Sowjetunion das schwierige Problem meisterte, Bomber im Tiefangriff aus fliegenden Radarstationen zu erkennen.

Nun sollen 250 unter Schallgeschwindigkeit fliegende B-52 Maschinen, die zum Teil älter sind als ihre Piloten, so umgerüstet werden, daß sie bis zu einem Dutzend Cruise Missiles in die Nähe des sowjetischen Luftraumes transportieren können, um sie außerhalb der gegnerischen Luftverteidigung in Marsch zu setzen. Im Tiefflug folgt der Marschflugkörper dann einer in sein Elektronengehirn eingespeisten Profilkarte. Auf Radarschirmen ist die Rakete kaum zu sehen, denn sie ist in der Variante der Luftwaffe nicht einmal fünf Meter lang. Die Kosten pro Cruise Missile werden mit 750 000, die für die Umrüstung einer B-52 mit 700 000 Dollar angegeben.

Bei den 1974 in Wladiwostok vereinbarten Grundlagen eines zweiten Salt-Abkommens spielten die Marschflugkörper noch keine Rolle. Erst später drängten die Sowjets auf ihre Einbeziehung. Seit Januar 1976 sind die Flugkörper der kritische Punkt, an dem Salt II bisher gescheitert ist. Im Austausch gegen gewisse Beschränkungen für ihren neuen Backfire Bomber wollen die Sowjets der Cruise Missile die gefährlichsten Zähne ziehen.