Israel wird am Ende wohl vor Präsident Carters Drohungen kapitulieren, die besetzten Gebiete räumen und die Westbank samt Gaza als „Homeland“ für die Palästinenser freigeben müssen. Die Mehrheit der Israelis – nicht nur der Likud und Ministerpräsident Begin – fürchtet freilich: damit sei der Untergang, Israels programmiert. Die Furcht ist begründet.

Im Krieg 1973 waren die Israelis auf dem Wege zum Siege; nur die Intervention der Supermächte hindert sie, Kairo einzunehmen. Aber die Araber hatten sich militärisch und moralisch stärker erwiesen, als in den vorangegangenen Kriegen. Der Waffenstillstand bedeutete nur Zeit für die Vorbereitung eines neuen arabischen Krieges. Der Vorteil liegt dabei auf der Seite der Araber: Sie haben mehr Menschen, mehr Geld, mehr Waffen.

Der Krieg wäre seitdem schon wieder ausgebrochen, hätte nicht Kissinger die kriegerischen Fronten auseinanderfädeln können. Dieser Staatsmann wußte: Die Lage erlaubte keinen spektakulären Friedensschluß. Abkühlung über sehr lange Zeit, Abwarten auf eine günstigere allgemeine politische Lage–dies allein schaffte Friedenschancen. Kissinger gründete seine Hoffnung darauf, daß die wahrhaft Mächtigen im arabischen Lager am Krieg kein vernünftiges Interesse haben. Die Herrscher der Ölstaaten, voran Saudi-Arabien, leben im eigenen Lande trotz allen Reichtums auf einem Pulverfaß. Bei ihren Untertanen wächst mit dem Wohlstand der politische Anspruch. Aus den palästinensischen Lagern sind die Intelligentesten in die reichen arabischen Länder ausgewandert; sie bilden dort einen wichtigen Teil der Führungselite. Ein Sieg der arabischen Massen über Israel könnte die soziale Revolution mit sich bringen.

Um die Wahl – knapp – zu gewinnen, mußte Carter seiner Nation versprechen, nach seinem Amtsantritt werde sich alles ändern. Das von der Ölkrise bedrohte amerikanische Volk mochte nicht mehr auf dem Pulverfaß Nahost leben. Also versprach ihm Carter einen schnellen Frieden. In den Welthändeln unerfahren, glaubte Carter an eine Patentlösung: Er versprach den Israelis „sichere Grenzen“, den palästinensischen Flüchtlingen, eine „Heimat“ auf der Westbank und in Gaza.

Diese beiden Gebiete haben die Israelis erst seit 1967. Damals lebten die Palästinenser schon fast zwanzig Jahre in ihren Flüchtlingslagern – seit dem Krieg 1948, als sie bei der Staatsgründung Israels aus dem Lande vertrieben wurden (sagen sie) oder es freiwillig verließen (sagen die Israelis). Zwanzig Jahre lang hatte kein Araber daran gedacht, die Flüchtlinge in Gaza oder auf der Westbank anzusiedeln. Unruhestifter von Anfang an, erwiesen sich die Extremisten unter (den Palästinensern im Laufe zweier Jahrzehnte zu jedem Terror bereit. Weltweit müssen wir heute unsere Staatsmänner, unsere Flugplätze und unsere Stadien vor ihren Angriffen bewahren.

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Den Mächtigen im arabischen Lager waren und sind sie gewiß nicht willkommen. Aber ablehnen können sie Carters Angebot nicht, wollen sie nicht die Vertriebenen in ihren Lagern und die Massen in den eigenen Ländern radikalisieren. Ablehnen können es auch nicht die 600 000 Araber, die heute schon auf der Westbank leben; sie haben niemanden, der für sie spricht. Ob ihnen wirklich noch einmal 600 000 arabische Volksgenossen willkommen wären, die in Lagern nichts als Haß und Krieg gelernt haben?