Die neueste Nachricht vom Arbeitsmarkt ist schlecht, doch sie hat den Vorteil, daß sie von jedermann verstanden wird: Im Juni 1977 gab es in der Bundesrepublik mehr Arbeitslose als im Juni des vergangenen Jahres. Das ist um so schlimmer, als sich bislang wenigstens eine leichte Besserung gegenüber dem Vorjahr abzuzeichnen schien.

Zwei andere Nachrichten aber sind es wert, über den Kreis der Fachleute, die sich üblicherweise damit befassen, hinaus einem breiten Publikum bekanntzuwerden: Die neuesten (Mai)-Daten über die Entwicklung der Produktion und der Auftragseingänge der deutschen Wirtschaft liegen um rund zwei Prozent unter dem Ergebnis vom April.

All diese Zahlen, die eine Menge miteinander zu tun haben, sind am Dienstag in der Konzertierten Aktion besprochen worden – vor teilweise leeren Stühlen, denn die Führer der Gewerkschaften waren nicht dabei. Der Tagesordnung zufolge sollten die neuen Zahlen zur Diskussion über neue Wege der Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik beitragen. Doch diese Tagesordnung mußte mit noch kümmerlicherem Ergebnis abgehakt werden als die der vorangegangenen 39 Konzertierten Aktionen.

Nun ist es sicherlich kein Beinbruch, wenn einmal eine Konzertierte Aktion von einem Teil ihrer regelmäßigen Teilnehmer boykottiert wird. Doch versuchen wir uns vorzustellen, wie es in einem oder in zwei Jahren in dieser Gesprächsrunde zugehen wird. Denn bis dahin werden wir es schwarz auf weiß haben, was einige Daten der Wirtschafts-Statistik schon heute ankündigen:

  • Das Bruttosozialprodukt der deutschen Wirtschaft (das ist die Gesamtheit der produzierten Güter und Dienstleistungen) wird in diesem Jahr nicht, wie anfangs erhofft, um viereinhalb bis fünf Prozent höher sein als 1976, sondern allenfalls um vier Prozent.
  • Dieses zu geringe Wachstum bedeutet, daß im Durchschnitt dieses Jahres nicht „nur“ 850 000 oder 870 000 Menschen arbeitslos sein werden, sondern rund eine Million.
  • Im kommenden Winter dürfte die Arbeitslosen-Zahl eine neue Rekordhöhe erreichen – Pessimisten schätzen sie bis zu 1,5 Millionen.
  • Im nächsten Jahr werden wir kaum über ein Wachstum des Sozialprodukts von mehr als drei Prozent hinauskommen. Da man aber bislang davon ausgegangen ist, daß wir bis 1980 ein jeweils rund fünfprozentiges Wachstum brauchen, um die Arbeitslosenrate wenigstens auf 2,5 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung – jetziger Stand: 4,1 Prozent – herunterzubringen, bedeutet dies: Aus dem Abbau der Arbeitslosigkeit wird in diesem Jahrzehnt nichts mehr.
  • Da in diesem und im kommenden Jahr die über Erwarten hohe Arbeitslosigkeit noch die Einnahmen der Rentenversicherung mindert, wird sich der Zwang einer weiteren Renten-Sanierung verstärken. Von 1979 an gleicht zwar die Arbeitslosen-Versicherung diesen Einnahmen-Ausfall bei der Rentenversicherung aus – doch auch sie wird das nur über höhere Beiträge der Erwerbstätigen schaffen können.

Alles dies ist, für sich betrachtet, schon schlimm genug. Um indes die politische Brisanz dieser vermuteten Entwicklung ermessen zu können, müssen wir uns auch dies vor Augen halten: Gerade erst ist ein 16-Milliarden-Investitionsprogramm beschlossen worden –, es wird vorerst wenig zur wirtschaftlichen Prosperität beitragen; das sogenannte „Steuerpaket“, über das die Gewerkschaften murren und dem die SPD nur widerstrebend zugestimmt hat, weil es angeblich den Reichen mehr gibt als der Masse der weniger Reichen – es wird den Aufschwung nicht sonderlich fördern. Kurz: Die Klage, es sei mit diesen Programmen, im wesentlichen zugunsten der Unternehmer, wieder einmal sinnlos Geld vertan worden, kann man schon heute voraussehen. In den Konzertierten Aktionen, die dann, in den Jahren 1978, 1979 und 1980, stattfinden werden, wird es vermutlich heiß hergehen. Und die gesamte Verteilungspolitik, in der die Konzertierte Aktion ja nur eine Rolle am Rande, die Tarifpolitik der Sozialpartner dagegen die entscheidende Rolle spielt, dürfte alles noch übertreffen, was wir in den vergangenen Jahren an mangelnder Einsicht und an Gruppenegoismus erlebt haben. Denn daran, daß sich, zwischen Löhnen und Gewinnen, Verteilungs-Relationen einpendeln könnten, die den immer tiefer werdenden Sturz in den Schlamassel verhindern könnten – daran mag man nicht mehr recht glauben.

Vielleicht werden wir in ein paar Jahren traurig an die Jahresmitte 1977 zurückdenken Damals scheiterte eine Konzertierte Aktion an einem läppischen Mitbestimmungsstreit. Das waren noch kleine Sorgen.