Auf seinem Porträt als rector magnificus trägt er in seiner rechten Hand einen mechanischen Apparat, der einer kunstvollen Ratsche nicht unähnlich ist. Vor gut 20 Jahren wurde Wilhelm Schickard (oder Schickhardt; 1592 bis 1635) als frühbarocker Forschergeist wiederentdeckt. Seitdem rätselt man herum, ob diese Beigabe auf dem Gemälde etwas von technischem Belang sei oder nur als allegorischer Bildniszierat für den naturkundigen Gelehrten diene. Seit kurzem nun ist es heraus: Wilhelm Schickard saß dem Maler voller Stolz mit einem von ihm selbst gebauten Tellurium. Seine „Ratsche“ ist das frühest bekannte, womöglich älteste Hand-Planetarium der Kulturgeschichte.

Daß Schickard genauso wie sein Freund Johannes Kepler und sein Zeitgenosse Galileo Galilei kopernikanisch dachte, verriet an der Gemälde-Mechanik eine Erdkugel mit Flügel-Emblem. Daß sich dieser geflügelte Globus im kosmischen Takt mit Mond und Sonne wirklich und wissenschaftlich dreht, belegte jetzt der Kasseler Ludolf von Mackensen, Leiter des Astronomisch-Physikalischen Kabinetts am dortigen Hessischen Landesmuseum mit seiner umfangreichen Sammlung historisch-wissenschaftlicher Gerätschaften auf die überzeugendste Art, die sich denken läßt. Er ließ die Schickardsche Mechanik an Hand der Bildvorlage nachbauen und erschloß damit zugleich seine Funktion.

Nach dieser Demonstration des Kasseler Wissenschaftlers, die im Rahmen der 500-Jahrfeier der Tübinger Universität stattfand und die Beteiligten des interdisziplinären Schickard-Colloquiums in Tübingen erstaunte und überzeugte, wird die Geschichtsschreibung hier nun Korrektur lesen müssen. Der Holländer Christian Huygens und der Däne Olaf Roemer teilten sich bislang den Ruhm, das erste Planetarium gebaut zu haben. Als Schickards Tellurium, das er wohl in seinen Vorlesungen zu kopernikanischen Demonstrationen verwendete, längst existierte, war Huygens (1629 bis 1695) soeben drei Jahre alt, Roemer (1644 bis 1710) noch gar nicht geboren. Das erste Planetarium stammt also aus Tübingen.

Die Zeitläufe erklären, weshalb es in Vergessenheit geriet. Zwar blieb Schwaben in der ersten Phase des Dreißigjährigen Krieges bis Lützen noch weitgehend von der Kriegsfurie verschont. Doch waren die Kontakte zu den Kopernikanern in Holland oder Böhmen unterbrochen. 1635 ist Wilhelm Schickard, der Keplers Lehrer Michael Mestlin erst 1631 als Professor für Mathematik und Astronomie nachgefolgt war, an der Pest gestorben. Mögliche Aufzeichnungen über das Hand-Planetarium haben die folgenden Plünderungen und Brandschatzungen von Stadt und Universität Tübingen nicht überstanden. Nur das Porträt überdauerte die Wirren als eine – wie sich 345 Jahre später zeigen sollte – erstaunlich zuverlässige Quelle, die es nur ernstzunehmen galt.

Wilfrid M. Schaefer