Von Hans C. Blumenberg

Am Abend des zehnten Berlinale-Tages stand der neue Festival-Leiter bleich, müde, aber keineswegs unglücklich im „Schrebergarten“ des Hilton-Hotels. Einer der letzten der vielen Empfänge, auf denen er von Berufs wegen eine gute Figur zu machen hatte (gelegentlich auch im Smoking), war noch durchzustehen. Während entschlossene Spesenritter das brasilianische Barbecue-Büfett plünderten, schien eine erste Bilanz nicht unangebracht. Im ersten Jahr der Ära Donner, dem 27. der Berliner Filmfestspiele, stieg die Zahl der einheimischen wie der auswärtigen Besucher um über 70 Prozent. Der ehemalige Filmkritiker Wolf Donner, von dem die konservative Filmbranche befürchtet hatte, er würde die Berlinale zu einer publikumsfernen Cinephilen-Affäre befördern, sah sich unversehens als Maître de Plaisir eines Volksfestes. Die schärfste Kritik kam denn auch von jenen, die sich ausgebootet fühlten: zumal vom Kampfblatt der Filmtheater, „Filmecho/Filmwoche“, dem der neue Mann die Subventionen für eine täglich erscheinende Festivalzeitung gestrichen hatte.

Grund zum Jubeln? Donners Sommerfest, das zwei Wochen lang auch optisch die Berliner City beherrschte, war trotz mancher Durststrecken eine gelungene Sache, auch wenn filmische Höhepunkte (mit ganz wenigen Ausnahmen) ausblieben. Aber auch jene Peinlichkeiten, mit denen das Festival von Cannes in diesem Jahr seine Besucher schockierte, kamen in Berlin nicht vor. Selbst mißglückte Filme wie die beiden spanischen Wettbewerbsbeiträge waren gerade in ihrem Scheitern interessant genug, um sie einem internationalen Publikum zumuten zu können. Wirklich enttäuscht war ich eigentlich nur von fast allen Filmen aus den osteuropäischen Ländern, die allmählich den Anschluß an neuere Entwicklungen des Kinos zu verlieren drohen. Nur Konrad Wolfs „Mama, ich lebe“ aus der DDR, die differenzierte Geschichte von vier deutschen Kriegsgefangenen, die sich freiwillig zur Roten Armee melden und ein moralisches Dilemma zwischen den Fronten erfahren, überzeugte durch realistische Genauigkeit. Ansonsten dominierten in den Filmen aus Budapest, Prag und Moskau symbolistische Schwerfälligkeit und optisches Kunstgewerbe.

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Rainer Werner Fassbinder, Mitglied der Festivaljury, kündigte in Berlin an, er werde Deutschland verlassen und nach New York übersiedeln. Auch Hans Jürgen Syberberg, dessen Verfolgungswahn inzwischen beängstigende Züge angenommen hat, annoncierte in einem pathetischen Brief seinen „Abschied von der deutschen Filmszene“. Während Syberberg sich von einer gigantischen Verschwörung der deutschen Filmkritiker (er nennt sie schlicht die „Erben Hitlers“) gegen ihn umzingelt wähnt, wiegt Fassbinders Entschluß erheblich schwerer. In einer ganzseitigen Anzeige in der Festivalzeitung „Berlinale-Tip“ für Walter Bockmayers Film „Jane bleibt Jane“ beschwört er noch einmal die „beschämende Mittelmäßigkeit“, in die der deutsche Film durch die Förderungspolitik der Gremien zu geraten droht: „Es wird ja Filme geben – bunte dumme Bonbonfilme, lauter weiße Elefanten. Die Termiten werden ausgerottet, die Privilegierten unter ihnen vertrieben sein.“

Wie wenig Fassbinder mit seiner verzweifelten Polemik übertreibt, bewiesen nicht nur die zum Auftakt der Berlinale verliehenen diesjährigen Bundesfilmpreise, die überwiegend mediokren, phantasie- und mutlosen Literatur-Illustrationen zugute kamen, sondern auch und zumal etliche deutsche Filme im und am Rande des Festivals. Das erschreckendste Ergebnis der offiziellen Filmförderungspolitik, die sich weder zum radikalen Autorenkino (wie es zum Beispiel Herbert Achternbusch betreibt) noch zum opulenten Entertainment (ohne das das Kino auch nicht überleben kann) bekennt, sondern ängstlich den kleinsten gemeinsamen Nenner zwischen Kunst und Kommerz sucht, ist „Grete Minde“, der erste Film der Cutterin Heidi Genée, in Berlin als deutscher Wettbewerbsbeitrag vorgestellt: die technisch routinierte, völlig unpersönliche, geradezu einschläfernd temperament- und ideenlose Bebilderung einer Novelle von Theodor Fontane. Nirgends merkt man, was die Regisseurin an diesem Stoff interessiert haben könnte, außer der Tatsache, daß er kulturell abgesichert und damit subventionsfähig (und bundesfilmpreiswürdig) ist.

Einen anderen, originelleren Weg der Adaption von Literatur für das Kino beschritt, natürlich nicht gefördert, der Berliner Regisseur Robert Van Ackeren mit „Belcanto“: Heinrich Manns Roman „Empfang bei der Welt“, aufgelöst in choreographisch stilisierte Schwarzweiß-Tableaus, mit einem langen, gesungenen Mittelteil. Leider kostet Van Ackeren die morbide Faszination seiner szenischen Arrangements bis zum Überdruß aus, verliert sich in einem eitlen Ästhetizismus, doch immerhin merkt man seinem Film die Anstrengung an, die ausufernde Fernsehödnis zu überwinden. „Belcanto“ lief im Forum des jungen Films.