Spaniens Kommunistenchef Santiago Carrillo hat den Bruch mit Moskau vollzogen

Von Horst Bieber

Rom, im Juli

Moskau vor neun Jahren, 22. August 1968: Dolores Ibárruri, die Präsidentin der Kommunistischen Partei Spaniens (PCE), und deren Generalsekretär Santiago Carrillo treffen in Moskau ein. Am Vortage haben sie in ihrem Ferienort südlich der sowjetischen Hauptstadt von der lange befürchteten Invasion in die Tschechoslowakei gehört. Am späten Vormittag treffen sie sich mit dem Politbüro-Mitglied Michail Suslow. Die Spanier sind fest entschlossen, die Invasion öffentlich zu verurteilen. Suslow fährt Carrillo plötzlich an: „Ach was, euer Wort hat wenig Gewicht. Ihr vertretet doch nur eine winzige Partei.“ Binnen 24 Stunden spricht Carrillo mit Breschnjew. Dem Kreml fällt auch kein anderes Argument ein: ‚Ihr seid doch nur eine kleine, schwache Partei.‘“

Jahre später erinnert sich Carrillo noch an jedes Wort dieser Unterhaltung: „Schon Stalin hat uns nicht verstanden. Sicher, die spanischen Kommunisten waren in Moskau beliebt, aber Stalin hat uns einmal ernsthaft abgekanzelt: „Ihr Spanier seid zu stolz. Ihr bittet um nichts.“

Am 23. August 1968 sendete „Radio Unabhängiges, Spanien“ die parteioffizielle Verdammung der Invasion; der Bruch war nun offenkundig. In den folgenden Monaten verlagerten die Spanier ihren Propagandasender aus der Tschechoslowakei nach Rumänien und wiesen die sowjetischen Hilfszahlungen zurück; Hilfe bekamen sie fortan diskret von den rumänischen Genossen. Im Mai 1971 zog Manuel Azcárate, der Chefideologe der spanischen Kommunisten, eine bitterböse Bilanz: „War der Sozialismus (in der Tschechoslowakei) in Gefahr? Mit ,Ja‘ zu antworten, heißt nicht nur, die Wahrheit zu verlachen, sondern auch, den Sozialismus zu beleidigen.“

Freilich, 1968 war die Exil-PCE eine unbedeutende Organisation, mit etwa 9000 Mitgliedern im Franco-Staat, vielleicht 15 000 außerhalb, nur Fachleuten bekannt. Es brauchte neun Jahre, den Tod Francos, die Demokratisierung, die spektakuläre, mit politischen Krisen verbundene Zulassung der PCE und Carrillos Buch „Eurokommunismus und Staat“, um diesen Bruch publik zu machen.