Von Hans Platschek

Die einen sagen, es sei ein hübsches Buch, die anderen vergleichen es mit Brehms Tierleben. Nimmt man die Sache weniger ernst, so kann man, indem man die einen auf die anderen hetzt, ganze Gesellschaftsspiele veranstalten. Denn wer gibt hier den Ausschlag, der zerfurchte Struwwelpeter Giacometti oder Alix de Rothschild, die beileibe nicht so schön ist wie Robert Rauschenberg?

Ein Pariser Pressephotograph hat, wie er es pompös nennt, „un ouvrage“ veröffentlicht, das reihenweise Schnappschüsse von Ausstellungseröffnungen und anderen Feierstunden der Kunstwelt zeigt –

André Morain: „Le milieu d’art. Seize années de Chronique photographique“; Edition du Chene – Atelier Annick Le Moine, Paris, 1977; 409 S., 110 Francs

Damit aber hat er Anschauungsmaterial aus der Hand gegeben, das dem Kunstbetrieb nicht sonderlich zuträglich ist. Egal nämlich, was man vom Photo als Dokument halten mag: Schon beim flüchtigen Durchblättern stellt sich die Frage, warum in aller Welt selten ein Aufgenommener, ein Kunsthändler, ein Kritiker, ein Käufer oder ein Museumsbeamter, nicht vor sich hin oder in die Kamera grinst. Auch die Künstler, die sich unter diese Menge mischen, scheinen, Frohnaturen die sie sind, in einem fort beweisen zu wollen, welch hoffnungsreicher Tätigkeit sie nachgehen. Auf jeden Fall hat Morain ein Repertoire der Heiterkeit zusammengestellt, dessen Reichweite sich vom Feixen bis zum gütigen Schmunzeln erstreckt. Für Zahnärzte müßte der Band eine Fundgrube sein.

Haben also diejenigen, die den Vergleich zu Brehms Tierleben ziehen, so Unrecht nicht? Immer wieder, das ist wahr, tauchen Party-Hyänen, Salonlöwen, social climbers oder schlichte Wolfsnaturen auf, zwischen denen ein Charakterkopf wie Max Ernst, René Magritte oder Samuel Beckett exotisch wirkt. Im übrigen gibt sich Max Ernst redlich Mühe, dem allgemeinen Frohsinn Frohes abzugewinnen und einmal steht sogar François Mitterrand einsam, auf den Lippen aber die Andeutung des obligaten Lächelns, vor einem Gemälde von Delvaux. Gewiß, man kann einwenden, daß eine derartige Mimik auch in anderen Branchen gang und gäbe ist: Ein Bildband über die Geselligkeiten der Rotary-Clubs oder der Vereinigung der italo-amerikanischen Opernfreunde, wie Billy Wilder sie in „Some like it hot“ nachstellt, würde ein ähnliches Material zutage fördern. Mehr noch, kein Mensch kann etwas dafür, daß ihm stoffwechselbedingte Fettsucht oder das Klimakterium zu schaffen macht, im Gegenteil: Ist es nicht ebenso begrüßenswert, trotzdem einer Ausstellungseröffnung beizuwohnen, wie es heroisch ist, sein Leiden lächelnd zu ertragen?

Gesellschaftschronik oder nicht, hinter den aufgereihten Schnappschüssen steht unausgesprochen der Gemeinplatz von der guten Miene zum bösen Spiel. Zwar können sich die einen ihrer Neugier hingeben: So also sieht Roy Liechtenstein aus, sobald ihm Victor Vasarely den Arm um die Schultern legt. Die anderen hingegen werden sich über die offenkundigen Verkaufsgespräche, die Greisinnen im Nerz oder Andy Warhols Zähnefletschen ihre Gedanken machen, Gedanken, die unweigerlich zu dem Schluß führen, daß, wie immer man es nimmt, das böse Spiel in der nicht nur visuellen Gleichberechtigung besteht, die ihrerseits auf einer Verlagerung beruht: Anstatt „Le milieu de l’art“ könnte das Buch genausogut „Der Kunde ist König“ heißen oder, ernsthafter, als ein Beleg gelten, der deutlich macht, in welchem Maß der Kunstbetrieb die Produktion zugunsten der Zirkulation und der Konsumption in den Hintergrund rückt.