Von Carl-Christian Kaiser

Bonn im Juli

In neuer Ordnung hat sich die Bonner Mannschaft für die geplante Verhandlungsrunde mit der DDR auf der Brücke versammelt; aber sie kann die Leinen noch nicht loswerfen. Denn noch ist nicht ganz klar, was alles ein-Einsatz werden soll, vor allem: wie hoch der Einsatz sein wird. Besonders „Onkel Ho“, wie der SED-Chef Erich Honecker im Bonner Jargon heißt, scheint sich, im Widerstreit zwischen den „Falken“ und „Tauben“ im eigenen Lager, noch nicht schlüssig zu sein, ob er in den Verhandlungen auch klippenreiche Gewässer ansteuern oder sie umschiffen will.

Darüber haben Hans-Jürgen Wischnewski, Staatsminister im Kanzleramt, und Michael Kohl, ständiger Vertreter der DDR in der Bundesrepublik, in den letzten Wochen wiederholt gesprochen. Trotzdem sind weitere Sondierungen nötig, weil die DDR den Gedanken noch nicht aufgegeben hat, eine eigene Staatsangehörigkeit für ihreBürger und eine Höherstufung der deutsch-deutschen Demarkationslinie zu einem grenzähnlichen Trennungsstrich, wenn nicht sogar zu einer förmlichen Grenze, zu verlangen.

Für Bonn sind diese Themen tabu. Seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Grundlagenvertrag sind jeder Bundesregierung hier enge Schranken gesetzt. Wenn es überhaupt noch Bewegungsspielraum gegeben haben sollte, dann ist er durch den heftigen innenpolitischen Streit auf Null geschrumpft, den Anfang dieses Jahres der ständige Vertreter Bonns in der DDR, Günter Gaus, mit einem Interview ausgelöst hatte.

Umgekehrt verhehlt die Bundesregierung nicht, daß sie mit einem ihrer Hauptwünsche in Ostberlin auf taube Ohren stoßen wird: die Zahl jener DDR-Bürger kräftig zu erhöhen, die in die Bundesrepublik reisen dürfen. Das gilt zumindest so lange, wie die Ostberliner Wünsche in der Staatsbürgerschafts- und Grenzfrage nicht zur Sprache kommen. Davon abgesehen, wird sich die DDR ohnehin schwer tun, die Kommunikationsmöglichkeiten ihrer Bürger mit dem Westen zu vergrößern. Denn eine Senkung des (Rentner-)Besuchsalters für Männer von jetzt 65 auf 60 und für Frauen von 60 auf 55 Jahre würde den Kreis der Berechtigten um rund eine Million erweitern, die überdies noch, wie es im, kommunistischen Sprachgebrauch heißt, im „Produktionsprozeß stehen“.

Auch ohne diese heißen Eisen werden, in der Verhandlungsschmiede noch die Funken stieben – besonders dann, wenn es um Berlin geht. Relativ unproblematisch erscheint allein der schon früher in Aussicht genommene Bau einer neuen Autobahn zwischen der Stadt und dem norddeutschen Raum. Hier wird freilich der Teufel vor allem in den finanziellen Details stecken. Zu einem politischen Test ersten Ranges aber verspricht die von Bonn obenan gestellte Energieverbindung zu werden, die den westlichen Teil Berlins, wo die Eigenversorgung Mitte der achtziger Jahre an ihre Grenzen zu stoßen droht, von ihrem Dasein als „Strominsel“ befreien’soll.