Theseus, Herzog von Athen, heiratet Hippolyta, die Königin der Amazonen – vier Tage ist es noch bis zur Hochzeit, und der Bräutigam ist ungeduldig, voller Erwartung. So fängt Shakespeares "Sommernachtstraum" an.

In Stuttgart, in Alfred Kirchners Inszenierung, sieht das Brautpaar seinem Wonnemond ohne Wonne entgegen: zwei schon etwas ältliche, schon etwas dickliche Leute, bitter, mißvergnügt; schon vor ihrer Hochzeit sehen sie aus wie ein lange, zu lange verheiratetes Paar. Redet Theseus (Wolfgang Höper) vom "ewgen Bund der Treue", dann wirft ihm seine anverlobte Amazone (Anneliese Römer) einen finsteren, spöttischen Blick zu. Eine sehr bürgerliche Ehe – und das am Anfang eines Feen- und Zauberstücks.

Hat also Kirchner, der Auftakt legt es nahe, einen der vielen Versuche unternommen, ein Zauberdrama zu entzaubern, einem Stück, das oft durch Niedlichkeit entstellt, als eine Art höheres Kindertheater aufgeführt worden ist, die Märchenkappe abzureißen? Seit Jan Kotts spektakulärer Interpretation, die in der Liebeslust der Figuren ihre Geilheit, in den Träumen die Alpträume, hinter den Scherzen die Schrecken aufgespürt hat, sind solche realistisch verdüsterten "Sommernachtsträume" fast schon die Regel: eine Konvention des Kritischen, welche die frühere Konvention des Neckischen abgelöst hat.

Aber: da gab es eine auch in Deutschland mit Raserei gefeierte Inszenierung des Stücks durch Peter Brook, die sich eben für keine Interpretation des Textes entschied (nicht für die himmelblaue, nicht für die nachtschwarze), sondern all seine Gegensätze, den Alptraum und die Utopie, zusammenbrachte. Daß Liebe ein Erschrecken ist und auch das Ende der Schrecken; daß Theater ein magisches Ritual sein kann und die pure, profane Artistik, daß man Wald und Sommernacht auch durch ein leeres, weißes, grell beleuchtetes Bühnenbild beschwören kann; daß die Ausbrüche von Angst und Lüsternheit nur die eine Hälfte der Komödie sind, die Ausbrüche von Heiterkeit die andere: Brooks Inszenierung ist wohl für jeden, der sie gesehen hat, eine Erinnerung für immer; keine verklärte Erinnerung, sondern eine leuchtend klare.

Schön, wie unerschrocken. sich die Stuttgarter Aufführung, fünf Jahre danach, zu Brooks Inszenierung verhält: weder eingeschüchtert noch auf die falsche Weise furchtlos. Man sieht, bis hin zu Zitaten (am Ende geben die Stuttgarter Schauspieler wie damals die Londoner den Zuschauern zum Abschied die Hände), daß die Theaterleute Brooks Inszenierung gesehen, geliebt und von ihr gelernt haben. Und trotzdem ist dieser Stuttgarter "Sommernachtstraum" etwas ganz Eigenes, Eigenwilliges geworden – eine Aufführung, die keine Weltkarriere machen wird (und will), die aber für Stuttgart gut und wichtig ist: niedriger in ihren Höhenflügen, nicht so tief in ihren Abstürzen wie die englische. Es ist auch etwas Harmloses, Versöhnliches, im guten Sinne Provinzielles in dieser Aufführung; die dunklen Triebe kommen vor und alle Ängste, aber trotzdem wirken die Figuren wie beschützt: von der Tatsache, daß über ihr Schicksal nicht in der Realität verhandelt wird, sondern sehr weit außerhalb, auf dem Theater – wo der Tod zwar vorkommt, der Tote aber sich nach dem Fallen des Vorhangs höchst lebendig verbeugt.

Ilona Freyer hat den Bühnenraum erfunden: zwei Stege, mit Kieselsteinen bedeckt, führen durchs Parkett, auf die Stuhllehnen sind unzählige elektrische Kerzen montiert. Die Bühne hat ein bunt bebildertes Portal, wie bei alten Papiertheatern; am Anfang ist sie verschlössen von einem schweren, roten, altmodischen Theatervorhang. Herzog Theseus hält Hof in einer mit weißen Tüchern ausgeschlagenen Loge, die in die rechte Wand des Zuschauerraums, mitten in die-Teakholz-Trostlosigkeit des Stuttgarter Schauspielhauses hineingebaut wurde. Die Bühne selber ist das Feenreich: ein himmelblauer Rundhorizont, ein weicher, weißer Fußboden; an Schnüren schwebende Holzstangen, an denen Jagdtrophäen, Pflanzen, Blumengirlanden hängen – verglichen mit Brooks leerem, weißem Raum doch ein eher konventioneller, zu Harmlosigkeiten verleitender Spiel-Platz. Und wenn dort die Elfen und Geister allzu nett und lieb herumturnen und -tollen, hat die Aufführung, von der zweiten bis zur dritten Stunde etwa, ihre betuliche Phase.

Es ist dann vor allem Therese Affolter (Hermia), die dieses Spiel beendet. Wenn sie, die am Anfang von zwei Männern mit Liebe verfolgt wird, plötzlich gar keinen Liebhaber mehr hat, verändert sie sich auf erschreckende Weise: aus dem lieben Mädchen wird ein wirrer, schriller, künstlicher Mensch mit zappelnden Gliedern, einer kreischenden Vogelstimme; ein Kindergesicht, entstellt plötzlich von Rachsucht und Bosheit. Das ist der schönste Schauspieler-Auftritt von vielen schönen.