Von Heinz Abosch

Das intellektuelle Paris mit seinen Hochburgen des Quartier Latin und St. Germain des Prés wird jetzt von einem jener Konflikte bewegt, die periodisch stagnierende Positionen erschüttern, mit Überliefertem aufräumen, altehrwürdige Prinzipien durch neue ersetzen. Geistige Funken schlagen, Polemik schäumt, Fragen werden sowohl geklärt wie verwirrt. Der Streit wird auch zur Mode, Schlüsselworte dienen als Erkennnungsmarken, bestimmte Formeln gelten als so schick wie das neueste Hemdenmuster. Nach 1945 gab es den Existentialismus als Philosophie, aber auch als modischen Stil. Jazzkeller, Juliette Gréco, fahler Lebensüberdruß galten, von der Sensationspresse plattgewalzt, als existentialistisch. Dann ging, freilich weniger populär, die Sonne des Strukturalismus auf. Im Augenblick sieht man mit Spannung auf die „neuen Philosophen“: Nachkommen der Strukturalisten, die die Lehren der Lévi-Strauß, Lacan und Alth’usser zum populären Gebrauch verwenden oder auch umwenden, Theorie in Praxis umsetzen. Presse, Rundfunk, Fernsehen, selbstverständlich auch die Kulturbastion Georges Pompidou, ganz auf up to date aus, haben ihre Pforten weit den „neuen Philosophen“ geöffnet, die ohne falsche Scham auf die Empore steigen. „Le Monde“ widmete dem Ereignis bereits mehrere Male seine Spalten, andere Blätter blieben nicht zurück, während der angesehene Verlag Grasset für die Richtung eigens eine neue Reihe eröffnet hat. War es einst modisch, sich als Kenner des Existentialismus auszuweisen, um nicht als Banause zu erscheinen, so liegt es heute nahe, sich über die „neue Philosophie“ zu äußern.

Eine Mode also? Die jetzige Debatte um Marx, Revolution, Gulag, Stalin, Solschenizyn, um die Alternative politisches Engagement oder philosophische Reflexion hat eine tiefe Bedeutung. Die Affäre hat symptomatischen Sinn. Die „neuen Philosophen“, im Aufstand gegen Marx, waren vor einiger Zeit zumeist noch leidenschaftliche Marxisten, Parteigänger Maos, Anhänger eines radikalen Kommunismus. Kinder der Pariser Maibewegung 1968, predigten sie mit Cohn-Bendit die Revolution und den Sturz der bestehenden Gesellschaft. Zehn Jahre danach schmeckt die Erfahrung bitter, die Hoffnungen sind verblaßt, die Imagination ist machtlos, unter dem Pariser Pflaster dehnt sich kein Strand, sondern das Kanalnetz schmutziger Abwässer.

Den Angriff begann André Glucksmann mit „Köchin und Menschenfresser (deutsch im Verlag Klaus Wagenbach). Solschenizyns Zeugnis ist der Anlaß, um über den Sozialismus nachzudenken. Waren Stalins Lager ein Zufall oder entsprachen sie dem System? Glucksmann visiert nicht allein den Bolschewismus, sondern Marx selbst. Die Lager sind das Wesen des Systems, eine direkte Linie verbindet Marx mit dem Gulag. Mehr noch: die gesamte abendländische Philosophie seit Plato sitzt auf der Anklagebank. Stalin drückte nicht die Rückständigkeit Rußlands aus, er handelte als ein „Vorposten des Abendlandes“. Die abendländische Zivilisation hat Auschwitz und Kolyma produziert, Kolonialmassaker und Weltkriege. „Im Spiegel der Kolyma“, schreibt Glucksmann, erblicken wir die Wahrheit dieser Zivilisation: „Das zwanzigste Jahrhundert, das Jahrhundert der Konzentrationslager.“ Gegen den auf Plato zurückgeführten Autoritätskult wird die anarchistische Revolte verteidigt, der Staat ist der Hauptfeind, daher berief Glucksmann sich auf Bakunin gegen Marx. Das war eine philosophische Begründung der Pariser Mai-Parolen, die Botschaft hieß: Ich revoltiere, also bin ich.

Aber der Revoltegeist ist für die „jungen Philosophen“ keineswegs typisch, im allgemeinen revoltieren sie gerade gegen die Revolte, halten jede Revolution für verfehlt, sind, strukturalistisch geprägt, von geschichtlicher Kontinuität beeindruckt. Das heißt, innerhalb dieser Strömung bestehen beträchtliche Unterschiede, so daß man mit neuen Differenzierungen rechnen muß, die vielleicht gar nicht mehr erlauben, ein einziges Etikett zu gebrauchen. Glucksmanns Buch erregte in Frankreich Aufsehen, mit solcher Kühnheit hatte bisher noch kein Linker im marxistischen Porzellanladen gewütet. Der Chefredakteur des „Nouvel Observateur“ Jean Daniel gestand, daß, ohne alle Argumente Glucksmanns zu billigen, sein Buch „zu jenen gehört, die mich am meisten nach der Lektüre beschäftigten“. Und er empfahl es der Linken zum eindringlichen Nachdenken. Glucksmann hatte in einem Anlauf alle Tabus der marxistischen Linken niedergerissen: Stalin war kein Betriebsunfall, Prinzipien waren erschüttert. So stichhaltig viele Thesen waren, an dem gebündelten Komplex Plato–Stalin konnte man zweifeln; daß Moskau ein neues Athen bildet, ist nicht sicher; desgleichen drängt sich die Verwandtschaft zwischen Stalin und Marx nicht unbedingt auf. Aber was zählte, war nicht das Gewicht jedes einzelnen Arguments, sondern die Richtung des Stoßes. Nach dem Echo, das Glucksmann fand, kann man darin den Beginn der Befreiung der französischen Intelligenz vom jahrzehntelangen Zauber des Marxismus-Leninismus sehen. Sein neues Buch „Les maîtres penseurs“(Grasset) setzt den Angriff gegen die Philosophen fort, insbesondere gegen Hegel, Marx und Nietzsche. Seltsamerweise entdeckt Glucksmann die philosophische Wahrheit in Wagners Ring: „Das Zentrale Problem ist nicht das Gold, sondern Wotan.“ Nicht Produktionsmittel sind historische Treibkräfte, wie bei Marx, sondern Machtkämpfe. Wagner erhebt sich endgültig über alle kleinen marxistischen Palmen, mit denen man ihn krönen möchte.“ Die Kritik des revolutionären Terrors ist ein Echo der Gefängnisanalysen Michel Foucaults, und der moderne bürgerliche Staat wird diesmal nicht mit Hilfe von Bakunin, sondern des Konservativen de Tocquevillee verworfen. Der Revoltegeist ist schwächer geworden, keine befreiende Umwälzung ist in Sicht, weil es keine scharfe Klassentrennung gibt: „Alle nehmen an der Reproduktion der Ausbeutung teil.“

Das Verschwinden des revolutionären Subjekts wird mit einer geradezu triumphalen Geste von Bernard-Henri Levy konstatiert, der bei Grasset die Reihe „Figures“ kreiert, die den „neuen Philosophen“ als Sprachrohr dient. Anders als bei Glucksmann findet man hier kein Echo des Mai 1968, in „La barbarie à visage humain“ (Die Barbarei mit menschlichem Antlitz) heißt es, diese Bewegung sei tot, mehr noch: sie war totgeboren. „Mai ’68 ist eine der schwärzesten Daten der Geschichte des Sozialismus.“ Weshalb? Unerfüllbare Hoffnungen wurden geweckt, aber dem Autor zufolge kann es nur trügerisches Hoffen geben. So wird nicht allein die Geschichte des Sozialismus eine Sammlung finsterer Ereignisse, die ganze Menschheitsgeschichte ist nichts anderes. „Die Menschen erzeugen ihre Unterwerfung... Der Fürst ist der andere Name der Welt. Der Herr ist die Metapher des Wirklichen.“ Bernard-Henri Levy bekennt sich zu einer Philosophie des Pessimismus, nach der jede Revolte vergeblich, Herrschaft unvermeidlich sei. Gegen die Fortschrittsphilosophen führt er Schopenhauer und Plato an, Heidegger und Jünger. „Das Glück wird nie mehr eine neue Idee sein, es sei denn, man bräche mit allem, was die Gesellschaften, solange sie existieren, ermöglicht hat.“ Innerhalb der Gesellschaft herrscht Verdammung, kein Fluchtpunkt ist sichtbar; Saint-Justs Parole vom Menschenglück wird ins Nichts gewendet: „Der Mensch, selbst in der Revolte, ist nichts als ein verfehlter Gott und eine mißlungene Gattung.“ Das Ziel heißt, „die Politik entwerten, die Ethik aufwerten“. Man denkt an das ähnliche Vorhaben Albert Camus’, aber er fand eine Lösung in der Revolte, um dem Menschen seine Würde zu geben. Hier findet sich nichts Entsprechendes. Wohl wird eine „Moral des Mutes“ beschworen, aber ohne Ziel und Sinn fehlt ihr eine eigentliche Grundlage. Schließlich wird André Malraux’ Metaphysik der Kunst zitiert als „Damm gegen die Leere des Todes“. Frappierende Formeln blitzen auf wie „Marxismus, Opium des Volkes“, „Kein Sozialismus ohne KZ“, „Keine klassenlose Gesellschaft ohne Terror“, „Marx, Machiavelli dieses Jahrhunderts“. Lévy hält den Marxismus zwar für theoretisch widerlegt, doch betrachtet er ihn als praktisch dominierende Zeitströmung: er ist die Wahrheit der repressiven Industriegesellschaft. Ja, im Unterschied zu anderen „neuen Philosophen“ spricht der Autor sogar, an den frühen Jünger anknüpfend, vom „proletarischen Zeitalter“. Nicht ohne Widerspruch bezeichnet er das Proletariat sowohl als „unmögliche Klasse“ wie als „allmächtig“. Das kommunistische Regime, bei Glucksmann ein System der Massenunterdrückung, wird hier der Massenherrschaft gleichgesetzt. Blitzende Formeln, im Ton der Beschwörung, jagen einander. Die Philosophie der Verzweiflung erschöpft sich in der Proklamation des Unvermeidlichen. Ist die Geschichte wirklich nur eine Addition des Immergleichen? Ist Marx der Denker der Industriegesellschaft? Und sind Breschnjew, Helmut Schmidt, Giscard d’Estaing gleichermaßen seine Schüler? Angesichts solch summarischer Prozedur drängen sich Zweifel auf, auch mißtraut man dem allzu munter auftrumpfenden Pessimismus. „Das Leben ist eine verlorene Sache und das Glück eine alte Idee“: bei dem 28jährigen B. H. Levy klingt es wie bei Françoise Sagan – „Bonjour tristesse“.

Philippe Nemo mit „L’homme structural“ und Guy Lardreau/Christian Jambet mit „L’ange“(beide Grasset) äußern sich weniger vehement. Nemo geht von der psychoanalytischen Deutung Lacans aus, nebenher Nietzsche und Heidegger grüßend. Nach dem vom Strukturalismus verkündeten „Tod des Menschen“ preist er dessen Wiederauferstehung. Keine tönenden Proklamationen, aber die gleiche Absage: „Die revolutionäre Idee, alles zu reorganisieren, ist phantastisch und irrend .. Aber Nemo unterscheidet sich von seinen Gefährten: in Rußland herrscht nicht Marx, denn „die Links ist unfähig zur Machtausübung“. Einmal an der Macht, höre die Linke auf, links zu sein; jede Regierung sei reaktionär. Ohne in knappe Formeln gegossen zu sein, ist dieser Pessimismus rigoros. Dasselbe läßt sich von Landreaus und Jambets„L’ange“ sagen. Dieser Engel symbolisiert das sich stets entziehende Ideal, dem Angelus novus Walter Benjamins ähnlich fällt sein Blick auf die sich häufenden Trümmer der Geschichte. Die Zivilisation ist Hobbes’ Leviathan, ihre Substanz ist Herrschaft. Die Verfasser nennen sich Anhänger einer Kulturrevolution: metaphysische Revolte ohne sozialen Unterbau und ohne politischen Überbau, deren Väter nicht Marx und Bakunin, sondern Byron und Baudelaire sind.

Die Revolution entläßt ihre enttäuschten Kinder, die Väter werden radikal verdammt, die ganze Wucht des Zorns trifft den Buhmann Marx, das Erbübel, die Ursache größter Schmach. „Ich bin das natürliche Kind des teuflischen Paares: Faschismus und Stalinismus“, verkündet B. H. Lévy. Der Pessimismus der jungen Philosophen ist die Kehrseite ihres einstigen Optimismus, ihrer himmelstürmenden revolutionären Begeisterung. Hätten sie dem Großen Steuermann Mao nicht so blind vertraut, dann würden sie vielleicht heute Solschenizyn nicht für den „Dante unserer Zeit“ halten. Schließlich konnte man die Wahrheit über das Sowjetregime schon früher erfahren bei Boris Souvarine, Simone Weil, Victor Serge. Wie auch immer: die Stunde der Ernüchterung hat jetzt geschlagen, und das Scherbengericht entspricht der Größe der zusammengestürzten Hoffnung. Die kommunistische Intelligentsia, in Frankreich seit 1936 dominierend, ist skeletthaft. Pierre Daix, der sich selbst „einen alten Stalinisten“ nennt, schreibt: „Es gibt keine marxistische Partei mehr.“ („Marxismus. Die Doktrin des Terrors“, Verlag Styria 1976) Und beim letzten Besuch Breschnjews in Paris zogen keine Massen zu seiner Begrüßung auf wie ehemals beim Empfang Chruschtschows. Die KP schwieg, während die linke Intelligentsia sich mit Sartre versammelte, um die russischen Emigranten Bukowski, Amalrik, Sinjawski zu ehren. Der Bann ist gebrochen, der Zauber verflogen. „Ein Antikommunist ist ein Hund“, formulierte Sartre und bewegte sich, ungeachtet periodischer Kritik, in der Einflußzone der KP. Das war kennzeichnend für eine bestimmte Epoche, als Sartre tatsächlich die Ideen vieler Intellektuellen ausausdrückte. Heute gilt das eher für die „neuen Philosophen“. Gegen den Marxismus-Leninismus denkend, vollziehen sie den Bruch mit einer alten Tradition, wobei ererbte linke Ideen aufgegeben werden. Nicht allein Stalin verfällt dem Verdikt, die ganze Aufklärung wird verworfen. Wie verständlich diese Radikalität nach allen Enttäuschungen auch ist, sie scheint zuwenig differenziert, im Grunde so totalitär wie der Totalitarismus, den sie verurteilt. Sicher muß man in den „neuen Philosophen“ auch keine Endstation sehen, sondern einen Anfang, die erste Phase eines Neubeginns. Am traditionellen politischen Vokabular wird gezweifelt, die jetzige Konfrontation zwischen den Parteien weitgehend als Bluff entlarvend, der Wesentliches verwischt. Die „neuen Philosophen“ wollen das Wesentliche entdecken, ganz Naheliegend könnte man auch in Heideggers Terminologie vom „Eigentlichen“ sprechen. Die totgesagte Philosophie feiert ihre Auferstehung, auf die nächsten Etappen ihrer Entwicklung darf man neugierig sein.