Hierzulande gibt es kein außenpolitisches Establishment. Seit Anbeginn der Bundesrepublik war die Außenpolitik viel zu sehr Spielball und Sprungbrett der Innenpolitik, als daß sie einen übergreifenden Konsens hätte zusammenschweißen können, wie er in den angelsächsischen Ländern jenseits von Partei oder Präsident stets Gleichmaß und Gemeinsamkeit in der Diplomatie bewahrt. Gäbe es jedoch ein solches „Establishment“, dann würde Kurt Birrenbach es verkörpern – im Alleingang.

CDU-Bundestagsabgeordneter von 1953 bis 1976, Aufsichtsratsvorsitzender bei Thyssen, Freund des Ur-Europäers Jean Monnet, Mitglied der Trilateral Commission – seine Ämter und Aufgaben sind Legion. Wie kein anderer hat Kurt Birrenbach, der letztes Wochenende seinen 70. Geburtstag feierte, unermüdlich Brücken geschlagen – in der Politik und zwischen der Politik, der Wirtschaft und der Wissenschaft.

Sein Schreckensbild ist die rabiate Polarisierung der Weimarer Republik gewesen, die dem braunen Ungeist zum Sieg verholfen hat. Schneidend-forsche Bundestagspolemiken hätte man bei Birrenbach deshalb vergeblich erwartet. Sein Instrument war das stille, beharrliche Gespräch; auf vielen Missionen, in Israel, und zumal in Amerika, hat er eine Fähigkeit, zuzuhören und seine Gabe, klar zu argumentieren, in den Dienst der deutschen Interessen gestellt. Vielleicht fehlte ihm das Quentchen Demagogie, dessen es bedarf, um in die ersten Reihen der Macht vorzudringen; dafür hat er aber Respekt und Einfluß im Übermaß gewonnen.

Birrenbach glaubte an die Sache und stritt für sie – wie 1963, als er den Interessen der mit ihm verbundenen Stahlindustrie zuwider für das Röhrenembargo gegen die Sowjetunion plädierte. Wie nur ganz wenige lebte er – und lebt er noch immer – für die Politik, nicht von der Politik.

jj