Von Richard Schmid

Ein junger Historiker hat sich an eine politische Biographie, der russischen Revolutionärin Vera Zasulič gemacht und viel Material erforscht und angehäuft; auch viele russische Quellen und russische Arbeiten sind verwertet:

Wolfgang Geierhos: „Vera Zasulič und die russische revolutionäre Bewegung“; Verlag R. Oldenbourg, München 1977; 315 Seiten, 78,– DM.

Vera Z., die 1849 als Tochter von russischen Landadeligen geboren und 1919 in Leningrad gestorben ist, war von 1879 bis 1905 im Ausland, vorwiegend in ‚Genf, wo sie eine führende Rolle innerhalb der russischen Emigration spielte. Sie hat viele ideologische und politische Auseinandersetzungen und Wandlungen aktiv erlebt. Am Anfang stand sie unter dem Einfluß Bakunins, ging als Narodnik ins Volk; in Genf löste sie sich vom Anarchismus und wurde Marxistin unter dem Einfluß von G. W. Plechanow, der ihr während ihres weiteren Lebens; eng verbunden blieb. Nach der Leninschen Spaltung von 1903 fand sie sich schließlich, bis zur Oktoberrevolution und zu ihrem Tode, auf der Seite der Menschewiki. Nach ihrem Tode wurde sie als revolutionäre Heldin hoch geehrt. In der Stalinzeit; war allerdings das freie Studium der revolutionären Vergangenheit, zu der Vera gehörte, „faktisch verboten“; erst seit den sechziger Jahren wird in der Sowjetunion wieder darüber Forschung betrieben.

Nicht nur fachhistorisch von Interesse sind zwei Episoden und Höhepunkte in Veras Leben; das Buch behandelt sie ausführlich, wenn auch stellenweise nicht sehr klar geordnet.

Der erste Höhepunkt ist der berühmte Zasulič-Prozeß von 1879. Im Juli 1877 war der politische Strafgefangene Bogoljubow auf Anordnung des Petersburger Stadthauptmanns Trepov ausgepeitscht worden, weil er seine Kopfbedeckung nicht abnahm. Der Vorgang drang in die Öffentlichkeit und erregte sie stark; sogar die Zarin soll ihren Abscheu bekundet haben. Im Januar 1878 zog Vera bei einer Sammelaudienz vor Trepov den Revolver; der Schuß war nicht tödlich. Aber er wurde in ganz Europa gehört und ein großer Teil der öffentlichen Meinung, auch der russischen, äußerte Sympathien für Vera.

Der Prozeß fand vor einem Geschworenengericht statt; solche Gerichte waren erst kurz vorher im Zuge einer liberalen Justizreform gebildet worden. Es gelang der Verteidigung, die Verhandlung auf das Motiv der Tat zu konzentrieren. Vera äußerte sich so: „Ich sah keine andere Möglichkeit... Es ist schrecklich, die Hand gegen einen anderen Menschen zu erheben, aber ich kam zum Entschluß, daß ich es tun müßte.“