Von Wilfried Kratz

Auf dem „Nagelbrett von Fleet Street“ begrüßte Vere Harmsworth, Chef der Associated Newspapers und damit Verleger der Daily Mail, einen neuen Kollegen und Konkurrenten: Victor Matthews, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Mischkonzerns Trafalgar House Investments. Er hatte gerade das Rennen um die Kontrolle der Zeitungsgruppe Beaverbrook Newspapers gewonnen. Ein Nagelbrett mag die Fleet Street sein, aber sie übt, wie man sieht, immer noch eine faszinierende Anziehungskraft auf Leute aus, die über Geld gebieten.

Doch es sind, wie die letzten beiden Zeitungskrisen in London zeigen – die des Observer 1976 und jetzt bei Beaverbrook –, nicht mehr die großen Pressezaren wie der Kanadier Thomson oder der Australier Murdoch, die in der Zeitungsstraße Einlaß begehren. Es sind Unternehmer aus fremden Branchen, Manager, die sich auf die Finanzkraft großer Kapitalgesellschaften stützen können. So erwarb Robert Anderson, Amerikaner mit philantropischen Neigungen, die auf dem Markt herumgebotene Sonntagszeitung Observer, weil er als Vorsitzender von Atlantic Richfield die Geldbörse dieses US-ölkonzerns zur Verfügung hatte. Und Pferdeliebhaber Matthews schwingt sich bei Beaverbrook in den Sattel, weil er einen Scheck auf Trafalgar House ausschreiben kann.

Damit ist das Zeitungsmachen in der „Straße“, wo die nationale Presse nämlich in einer Weise konzentriert ist, wie sonst nirgendwo in einem anderen Land, nur noch in wenigen Fällen die Angelegenheit eines „geborenen“ Verlegers. Dies gilt nur noch für Daily Telegraph (mit seinem Schwesterblatt Sunday Telegraph), wo Lord Hartwell gebietet, für Harmsworths Daily Mail oder die Sun des höchst erfolgreichen Newcomers Rupert Murdoch. Hier entspringt noch Macht und Einfluß aus dem Eigentum an Zeitungshäusern; hier schafft noch persönliches Eigentum die Basis für politische Kampagnen oder das Ausleben journalistischer Leidenschaft. In einem anderen Fall, wo es ebenfalls möglich wäre, nämlich bei der Times, hält sich der Eigentümer Lord Thomson, wie schon sein Vater, bewußt zurück.

Observer und Beaverbrook scheinen zu bestätigen, daß das persönliche Regiment von Zeitungszaren oder Männern, die es werden wollen, zur Ausnahme wird. Der Observer, das 185 Jahre alte liberale Sonntagsblatt, war die Zeitung der Astors, die zu Anfang erhebliches privates Vermögen einsetzen konnten, sogar noch, als die Zeitung durch ihre furchtlose Kritik an der Suez-Politik der Regierung Eden 1956 finanzielle Einbußen erlitt. Aber kommerzielles Management war nicht die starke Seite dieses Sonntagsblattes, das sich nicht auf eine andere Zeitung oder auf Geldquellen außerhalb der Presse stützen konnte.

Als David Astor, 27 Jahre lang Chefredakteur, 1976 schließlich vor dem Ende stand, blieb ihm nur noch die Suche nach einem Käufer. Harmsworth trat in den Ring; der Erfolgsmann Murdoch meldete sich; und schließlich streckte auch der anglo-französische Finanzier Sir James Goldsmith, der einen maßgeblichen Einfluß auf den Nahrungsmittelkonzern Cavenham Foods hat, seine Hand aus. Alle drei erhielten Körbe. Und wie der deus ex machina erschien der Amerikaner Anderson auf der Bildfläche und erhielt den Zuschlag. Von ihm erhoffte sich die auf journalistische Unabhängigkeit erpichte Observer-Mannschaft zwar finanziellen Rückhalt, aber zugleich den (nicht nur geographisch) größten Abstand zwischen Eigentümer und Redaktion.

Das Haus Beaverbrook, das letzte Bollwerk des Empire, geriet in eine ähnliche Lage. Es ist die Gründung des legendären Lord Beaverbrook, eines aus Schottland stammenden Kanadiers, der Anfang des Jahrhunderts als Max Aitken nach England kam, erst den bankrotten Daily Express erwarb, dann den Sunday Express und schließlich die Londoner Abendzeitung Evening Standard. Der „Biber“ besaß zwei große Leidenschaften: Zeitungen und Politik, und er verband sie auf das wirkungsvollste. Schon während des Ersten Weltkrieges wurde er zu einer einflußreichen Figur auf der politischen Bühne, und er nutzte seine Blätter rücksichtslos für seine politischen Absichten, führte Kampagnen und spann Intrigen, hetzte seine Journalisten und dirigierte seine Publikationen durch entschlossene Personalpolitik und einen Strom von Direktiven.