Dem deutschen Ferienmenschen ist, so scheint’s, das unschuldige Vergnügen am süßen Nichtstun abhanden gekommen. Das Studium des Reiseangebots erlaubt den Schluß, daß in diesem Sommer kaum ein Mensch die Unverfrorenheit besitzen dürfte, wochenlang tatenlos am Rande eines Baggersees zu liegen oder gar, wie in verklärter Vergangenheit, tollkühn und ungeschickt mit Bocciakugeln um sich zu werfen. Der Spaß am Spaß will ernstgenommen, das Freizeitvergnügen von der Pike auf erlernt sein – sachgemäßes Reiten, Segeln, Tauchen, Golfspielen sowieso, aber beispielsweise auch Tanzen (in Weilburg an der Lahn) und Weintrinken (im Rheingau). Im Hotzenwald zwischen Schwarzwald und Hochrhein gibt es Ferienkurse für richtiges Wandern, und wer sich in dieser Disziplin selber für perfekt hielte, müßte dem Lehrmeister erst einmal vormachen, wie man den Kompaß bedient, Wanderkarten interpretiert und Marschzeiten nach Wegbeschaffenheit und Höhendifferenzen berechnet.

Derlei Beschäftigung ist zwar vom Ethos der Körperertüchtigung geadelt, hat aber noch einen Beigeschmack von Müßiggang. Auf höheren Stufen sinnvoller Freizeitgestaltung winkt Gewinn fürs Leben. In Rothenburg ob der Tauber zum Beispiel, Rhodt unter Rietburg und Rüdesheim in der Drosselgasse gibt es Ferien-Malkurse ortsbekannter Künstler. Ein Genie ist, soweit bekannt, bislang nicht daraus hervorgegangen. Daß aber einmal gewecktes Talent nicht zur Meisterschaft einer Grandma Moses heranreifen sollte, widerspricht allenfalls der Lebenserfahrung, doch nicht der Wahrscheinlichkeit.

Mit Begabung und Fleiß ließen sich manche im Urlaub gewonnenen Fertigkeiten zu Nebenerwerbszwecken verfeinern: In Berchtesgaden wird das Herrgottsschnitzen gelehrt, in Lindenfels im Odenwald und St. Peter im Schwarzwald die aussterbende Kunst der Holzbrandmalerei, in Mosenberg bei Kassel die ehrwürdige, einst nur unter Seeleuten verbreitete Macramé-Knüpftechnik und auf der Starkenburg bei Heppenheim Astrologie.

All dies ist noch nicht der Ferienweisheit letzter Schluß. Holzsägen und lehrsame Küchenassistenz (Enzklösterle im Schwarzwald), Möbelrestaurierung (7869 Schönau) sowie die Anfertigung von Flugmodellen, Buddelschiffen und historischen Musikinstrumenten (Mosenberg) könnten als Spielerei und Steckenpferd durchgehen. Der Sinn eines wahrhaft nützlich verbrachten Urlaubs wird von der Notwendigkeit geprägt. Die beliebtesten und überzeugendsten Beispiele sind Sprachkurse im Ausland, Ferienfahrschulen und Kochseminare, durchweg zur Verbesserung der persönlichen Lebensqualität geeignet.

Erste Andeutungen eines neuen Verantwortungsbewußtseins lassen darüber hinaus auf eine bevorstehende Anpassung von Alltag und Ferienweit schließen. So kann der mündige Urlaubsgast etwa in Grebenhain (Vogelsberg) das Brotbacken lernen („Meeting am Backhaus“), in Kassel das Photographieren, Entwickeln und Vergrößern (auch für Fortgeschrittene). In St. Georgen (Schwarzwald) gibt es Lehrgänge für Amateurelektroniker mit Bauteilkunde und Anleitung zum Löten und Verschalten, in Garmisch-Partenkirchen kann sich der Anfänger in Elektronik-Fachkursen weiterbilden.

Kein Zweifel: In Phasen beharrlicher. Wirtschaftsflaute verdient eben nur der sich Freizeit und das Leben, der täglich sie erobern muß.

Wolfgang Boller