Von Rudolf Walter Leonhardt

Es ist wohl ein wenig überspitzt zu sagen, die Gruppe 47 habe nur während der Tagungen existiert. Richtiger: Sie hat sich nur auf den Tagungen, für viele sichtbar und für jedermann im Rundfunk hörbar, manifestiert.

Jede Tagung begann damit, daß die dort erwünschten Autoren vier bis sechs Wochen vorher eine meistens handgeschriebene Postkarte von Hans Werner Richter bekamen, auf der Datum und Ort des Treffens mitgeteilt wurden sowie die Versicherung, der Einladende würde sich freuen, sie zu sehen. Das Bild einer Party, das zuweilen für die Gruppe gebraucht worden ist, trifft den Einladungsmodus genau. Dazu paßt auch, daß Gerngesehene „mit Damen“ eingeladen wurden.

Die wohin auch immer Anreisenden fanden ihr Quartier bestellt, das hatten Hans Werner und Toni Richter für sie erledigt. Abends traf man sich noch zu Bier oder Wein, und manchmal explodierte an solchen Begrüßungsabenden der Unmut, der sich während der Zeit der „Nicht-Existenz“ angesammelt hatte.

Vom nächsten Morgen an folgte das Procedere strengen Bräuchen, die nirgendwo festgelegt waren und immer eingehalten wurden. Schriftlich oder telephonisch hatte Hans Werner Richter von etwa zwanzig Autoren den Wunsch entgegengenommen, bei arrivierteren dann später die Bereitschaft eingeholt, daß sie lesen: aus einem möglichst noch unveröffentlichten Manuskript mit literarischen Ansprüchen, möglichst nicht länger als eine halbe Stunde; Lyriker kamen manchmal mit zehn Minuten aus, es pendelte sich ungefähr auf einen Durchschnitt von zwanzig Minuten ein. Die Kritik, sofort nach der Lesung, dauerte selten länger als zwanzig und manchmal nur zwei Minuten.

Morgens um zehn wurde der erste Kandidat auf den Stuhl, der bald „der elektrische“ hieß, gebeten; neben ihm nur Hans Werner Richter; ihm gegenüber und um ihn herum die Kollegen, die Kritiker, später auch mehr und mehr Vertreter der Medien und der Verlage. Mit mehreren kurzen Unterbrechungen und zwei längeren für Mittag- und Abendessen ging das oft bis in die Nacht hinein. Aber auch die Nacht war nicht allein zum Schlafen da.

Jeder Anwesende konnte als Kritiker des gelesenen Textes auftreten. Auf dem Höhepunkt der Gruppe, den im Jahre 1958 anzusetzen es mehrere gute Gründe gibt, waren jedoch die Laien im Aufspüren von Fehlern verdrängt von Profis der Sofort-Rezension nach kurzem Anhören: Joachim Kaiser, Walter Jens und Walter Höllerer, zu denen später noch Marcel Reich-Ranicki und Hans Mayer kamen.