Von Gabriele Venzky

Noch vor einem Jahr hatten der amerikanische Präsident Ford und sein Außenminister Kissinger den Preis für die Wiederannäherung in schwindelnder Höhe angesetzt: Sie forderten nicht mehr und nicht weniger als den Abzug der Kubaner aus Afrika, ehe sie sich überhaupt zu Gesprächen mit Havanna bereitfinden wollten. Von Vorbedingungen ist heute nicht mehr die Rede, im Gegenteil. Der neue amerikanische Präsident Carter und sein schnellzüngiger UN-Botschafter Young möchten die Kubaner in Afrika halten: denn, so ihre auf den ersten Blick befremdlich wirkende Erkenntnis, die Kubaner gelten, als stabilisierendes Moment auf dem Kontinent.

Am 1. September wird sich deshalb ein langgehegter Wunsch Fidel Castros erfüllen. Nachdem die Beziehungen sechzehn Jahre lang unterbrochen waren, wollen der Wirtschaftsgigant USA und die in arger ökonomischer Bedrängnis dahinlavierende Zuckerinsel wieder Diplomaten austauschen. Ohne Gegenleistung ist dieser Wunsch Castros freilich nicht erfüllt worden. Er hat versprechen müssen, sich nicht aus Afrika hinausdrängen zu lassen, und er hat diese Zusage gern gegeben.

Was wie ein unverständlicher Schwenk, wie eine radikale Abkehr der Carter-Regierung von der Politik Kissingers aussieht, ist in Wirklichkeit nur eine realistische Anpassung an die neuen Verhältnisse auf dem afrikanischen Kontinent. Denn dort hat sich, kaum wahrnehmbar und sicherlich auch nicht unwiderruflich, ein Bruch zwischen den Sowjets und ihren kubanischen Hilfstruppen vollzogen.

Die Kubaner sind dem Kreml zu selbständig geworden und ihre Politik zu uneigennützig. Während die Strategie Moskaus darauf hinausläuft, möglichst große "Geländegewinne" in Afrika zu machen, um den Westen – und vielleicht auch China – zu schwächen, verfolgen die Kubaner ein anderes Ziel: Sie leisten Revolutionshilfe und tragen dazu bei, ihre Revolution samt ihren Errungenschaften zu exportieren. Das Ergebnis ist durchaus nicht immer nach dem Geschmack des Kreml. Denn was hier, mit stark ausgeprägten nationalistischen Zügen unter den Fittichen der Kubaner als Afrokommunismus entsteht, läßt sich, ähnlich wie beim Eurokommunismus, nicht mit dem Vorherrschaftsanspruch Moskaus vereinbaren. Die Trennlinien sind bereits gezogen und die Attraktivität einer Ideologie des "Dritten Weges" verblaßt keineswegs schon an den Südgrenzen Ägyptens oder des Sudans, die sich der Sowjets entledigt haben.

Ausgerechnet die jüngsten Ereignisse in Angola haben die auseinanderstrebenden Wege Moskaus und Havannas deutlich gemacht. Gerade in Angola hatten die Kubaner das ramponierte Image des Revolutionshelfers Sowjetunion für ganz Afrika wieder aufpoliert. Geld und Waffen hatte der Kreml geliefert, Kuba brachte den ideologischen Eifer und den Kampfwillen eines Staates ein, der entgegen amerikanischen Voraussagen nicht an der eigenen Revolution zugrunde gegangen war, sondern sich den "progressiven" Kräften in aller Welt zur Verfügung stellte.

Darüber hinaus brachten die Kubaner einen unschätzbaren Vorteil mit: Sie sind keine Großmacht, die egoistischer Ziele verdächtigt werden könnte; sie haben als kleines Entwicklungsland zur Begeisterung der Abhängigen der Supermacht USA getrotzt; und sie sind kein weißer, kolonialistischer Attitüden verdächtiger Staat. Rund ein Drittel des Zehn-Millionen-Volkes sind Schwarze oder Mulatten.