Rom, im Juli

Mit der betulichen, aber auch kecken Umsicht von Spielern, die ihren bisherigen Gewinn nicht riskieren, aber auch das Spiel nicht aufgeben möchten, bewegen sich die italienischen Kommunisten zwischen Moskautreue und purer Ketzerei – im Geiste der „Freimütigkeit und Freundschaft“, wie es im dürftigen Kommuniqué nach den Gesprächen hieß, die drei Direktionsmitglieder der KPI – Pajetta, Bufalini und Macaluso – Ende letzter Woche im Kreml führten.

„Wir sind nicht als Advokaten Carrillos nach Moskau gereist, aber wir waren sehr fest in der Zurückweisung von Angriffen dieser Art, wie sie gegen Carrillo von den Sowjets geführt wurden“, sagte Bufalini. Pajetta teilte am Dienstag mit, die KPI habe das Buch des spanischen Parteichefs zwar „nicht unterschrieben“, aber sie lehne jeden Gedanken ab, es auf den Index zusetzen. „Um ganz klar zu sein: Wir selbst werden es veröffentlichen.“

Die italienische KP-Führung träumt von einer diskussionsfreudigen „friedlichen Koexistenz zwischen den kommunistischen Parteien“ (Pajetta). Dies bleibt für die Sowjets auch in der freundschaftlichsten Verpackung eine irre Vorstellung. Nach wie vor ist Moskau darauf aus, „das eigene Modell und die eigene Hegemonie über andere Parteien die Oberhand behalten zu lassen“ – so schreibt Luigi Longo, Alterspräsident der KPI in einem schon vor zwei Monaten erschienenen Buch, das nicht von ungefähr erst jetzt vom Parteiorgan Unitá den Genossen anempfohlen wird.

Pajetta wußte aus dem Kreml zu berichten: „Sobald wir mit ihnen von Freiheit und Demokratie sprechen, sind wir nicht mehr einig.“ Sogar an die „ungelöste tschechoslowakische Frage, welche die Substanz der Autonomie aller Kommunisten berührt“, mußten sich die Sowjets von ihren Freunden aus Rom erinnern lassen.

Warum leugnet die KPI dennoch nicht – wie Carrillo – den „sozialistischen“ Charakter des Sowjetstaates? Warum vertuscht sie dessen Großmacht-Außenpolitik?

Da ist die Furcht, jene – nicht wenigen – Anhänger zu verlieren, für die der Sowjetmythos durch keine Bürgerkriegs-Erinnerungen oder Osteuropa-Erfahrungen getrübt ist. Und Giorgio Napolitano, Direktionsmitglied der KPI, gesteht: „Wir wollen keinen Bruch mit der sowjetischen Partei, weil wir darüber unseren Einfluß auf die internationale kommunistische Bewegung riskieren würden“. Hier wird die Grenze erkannt, an die jede Art „Eurokommunismus“ stößt. Hansjakob Stehle