Yo lo vi! Ein Motiv, das immer wiederkehrt: der kleine Junge, der den Mörder der Mafia gesehen hat. Das ist Renato Guttuso, Sohn eines sizilianischen Landvermessers, aufgestiegen zu einem Symbol des Antifaschismus, dann des engagierten Realismus in informeller Blütezeit, Vorkämpfer für eine neue Biennale, heute Senatore della Republica, 66 Jahre alt und vitaler denn je. Er war ein enger Freund von Picasso, und was er über ihn schreibt, nachzulesen im Katalog, gehört in seiner Grandezza, Wachheit und Einfühlsamkeit zu den aufschlußreichsten Zeugnissen über den alten Picasso.

Das Museum Ludwig in Köln hat eines seiner jüngsten Monumentalwerke erworben, das „Caffè Greco“, Anlaß für die bisher umfangreichste Ausstellung in der Bundesrepublik, der Katalog nennt 130 Nummern, einige sind nicht eingetroffen.

Fürchterlich, sagen die einen, grandios, sagen die anderen. Ein disparater Eindruck auf jeden Fall. Da ist auf der einen Seite die Suite treffsicherer Zeichnungen, Motive von Michelangelo und Picasso locker und kräftig umkreisend; da ist auf der anderen Seite ein knallbunter Riesenlaufen zerborstener Komposition, inhaltlich richtig, aber bildlich nicht: „Mai 68“. Da werden der Pferdekopf aus Guernica und das Reh aus den „Tierschicksalen“ zusammengebracht, da sitzt de Chirico im Caffè Greco, da wird Picasso von seinen berühmtesten Porträts zum Totenmahl empfangen. Oder Courbet wird zitiert oder Grosz, immer kunstfertig und nicht anverwandelt, sondern eingesetzt wie gemalte Collagen in einen antiillusionistischen Raum, in dem sich mehrere Ebenen stoßen, schneiden, splittern.

Eklektizismus oder Integration? Es ist beides, und das macht Guttuso zu einem so schwierigen Fall. Seltsam, daß ein Sizilianer, um das Elend der landlosen Bauern darzustellen, bei der Gotik anknüpft. Daraus dann ist ein Anschluß an van Gogh, die Fauves, die deutschen Expressionisten und immer wieder an den Picasso der dreißiger und vierziger Jahre nur folgerichtig. Andererseits steht immer sein großer Landsmann de Chirico im Hintergrund, um den Raum nicht dem Naturalismus zu überlassen. Bezeichnend, daß es Horizont, Landschaft, Architektur, kurz alles, was zu Raumeinheiten führen könnte, nur andeutungsweise gibt (oder in flacher Draufsicht: ein Dach, eine Mauer), hingegen immer wieder das, was er an Picasso so hervorhebt: Menschen, Dinge, Symbole. Ganz simpel gesagt: Guttuso verleibt sich alles ein wie Picasso, aber er hat nicht Picassos Leib.

Was fehlt? Zitat als Teil unserer Wirklichkeit, das ist richtig und ehrlich: als Teil. Was aber nicht stimmt, ist, daß Guttuso immer im Stil der Zeitströmungen malt, nur figürlich: trocken und kleinteilig in den vierziger Jahren wie die geometrisierende Abstraktion, weich und pastos wie der Abstrakte Expressionismus in den fünfziger Jahren, in den sechziger Jahren dann Pop, in den Siebzigern dem Neoexpressionismus nahestehend. Nirgends ist Guttuso Erfinder, nirgends. Aus der Nähe besehen, auch noch aus dem normalen Abstand in einer Galerie, sind die Bilder oft grauenhaft unsauber gemalt. Aus größer Entfernung, wie eine Kunsthalle sie erlaubt, treten die bunte Leuchtkraft sizilianischer Karren und die humane Wärme hervor, alle Details integrierend, ob die Menschen nun Feuer machen, Fahnen schwingen, auf dem Markt einkaufen oder Spaghetti essen. Monumentale Wandmalereien müßten viel mehr Guttusos Domäne sein – aber wer gibt den Auftrag? – als die Tafelbilder, die, nach europäischem Format, nur als groß zu bezeichnen sind.

Guttuso erzählt; dazu braucht und will er die direkte Ansprache, an Volk und Intellektuelle gleichermaßen, sehr italienisch. Und das ist wohltuend ohne Pathos. Er moralisiert nicht, aber: „Kunst ist ein moralisches Problem.“ Picasso hätte das nie gesagt, und auch nicht, daß er eine Idee „in Malerei übersetzt“. So tritt, einfachstes Beispiel, oft viel mehr grelles Rot auf, als eine Fläche, so sie komponiert ist, es überhaupt verträgt.

Der fundamentale Zwiespalt ist, daß unbekannte Formen Barrieren schaffen für die Aufnahme der Botschaft, bekannte Formen aber längst Hülsen geworden sind und viel zu plumpe Werkzeuge, um die neuralgischen Punkte unserer Realität zu fassen. Dadurch ist Guttuso dem Volk zu intellektuell, den Intellektuellen zu unoriginell. Doch eines: die tapfere und schmerzhafte Position eines reflektierenden Realismus wird an Guttuso (und an den Mexikanern) weit bewußter als an den (ost-west-)deutschen Realisten. Um so verwunderlicher, daß ein politischer Künstler sich so in die Hände einer mondänen, „rechten“ Salonkunsthandelskette begeben hat. (Kunsthalle Köln bis 24. 7., Katalog 9,50 Mark)

Georg Jappe