NS-Nostalgie auf Großleinwand mit Stereoeffekt

Von Karl-Heinz Janßen

Ein neuer Hitler-Film ist noch kein neues Hitler-Bild. Einige Kommentatoren haben vor und nach, der Premiere des abendfüllenden Dokumentationsfilmes von Joachim C. Fest und Christian Herrendoerfer "Hitler – eine Karriere" ihrem Publikum den Mund wäßrig gemacht: Es werde demnächst in den Kinos einen Hitler bestaunen können, wie ihn nach 1945 noch niemand zu zeigen gewagt habe. Wer so etwas schreiben kann, kennt entweder nicht den Fest-Fernsehfilm aus dem April 1969, oder er hat die fast 1200 Seiten starke Hitler-Biographie desselben Autors ungenau gelesen. Oder aber er ist schlicht auf die Werbung des Verleihs hereingefallen. "Es ist uns gelungen, das filmische Standardwerk über Hitler zu schaffen" – so der Münchner Produzent Werner Rieb.

Was uns indes vorgeführt wird, ist lediglich eine überdimensionale Neuauflage jener ARD-Sendung (DIE ZEIT damals: "eine große Stunde des Deutschen Fernsehens"), aufgeputzt mit einigen inzwischen entdeckten oder erworbenen Farbfilmen (darunter Eva Brauns Obersalzberg-Idylle), seltenen Aufnahmen aus der Frühzeit der nationalsozialistischen Bewegung und anderen Privatstücken, kurzum: das alte, in Bild und Ton gesetzte Psychogramm eines genialen Demagogen, zum Teil mit fast wörtlich den gleichen Texten wie damals. Nur diesmal auf Großleinwand mit Stereoeffekt: Die Produktionsfirma hat es sich viel Geld kosten lassen, um alte, verschlissene Kopien auf Hochglanz zu bringen. Den Reichstag hat man noch nie so leuchtend brennen, das Dunkel der Potsdamer Garnisonkirche noch nie so aufgehellt gesehen.

Wo keine Sendezentrale mit dem Zeitmesser droht, kann Fest den Jubel der Massen fast unbegrenzt laufen, seinen Hitler ungestört reden lassen. Minutenlang sind wir voyeuristische Zeugen der halb pseudoreligiösen, halb erotischen Vereinigung zwischen Ver-Führer und Verführten, der verzückten Hingabe einer zu allem bereiten Masse, vor allem der Mädchen und Frauen (Plakataufforderung an "Jungmädel" im Dritten Reich: "Auch Du gehörst dem Führer"). Zeitgenossen der Hitler-Zeit werden sich in die berauschend-rauschhaften Parteitagsfilme Leni Riefenstahls zurückversetzt fühlen (deren Name übrigens unter den Quellen nicht genannt wird): high durch Hitler.

"Man sollte die Faszination durchaus zeigen", verteidigt sich Autor Fest, "verständlich machen, daß es eine Faszination für viele gab und damit auf diese Weise versuchen, die Leute etwas immuner gegen ähnliche Reaktionen zu machen." Was er erreicht, ist eher die Faszination durch die Faszination. Regie, Schnitt und Tontechnik helfen eifrig mit, die bühnenreifen Inszenierungen der Nazi-Feiern in ihrer Wirkung noch zu übersteigern. Wenn Hitler auf dem Münchner Königsplatz allein zu den "Toten der Bewegung" in die Tempel steigt, knallen seine Stiefel über die Marmorfliesen. Und während wir wieder einmal aus nächster Nähe die Ersatzbefriedigung miterleben dürfen, die der kontaktgestörte Hitler beim "Bad in der Menge" genoß, schiebt sich ein Zeppelin phallusgleich ins Bild. Durch solche Mätzchen bringt man einen Film um seine aufklärerische Absicht.

Fahrlässige Abstinenz