Von Peter Sager

Als Evelyn Weiss und Klaus Honnef, die Verantwortlichen der Arbeitsgruppe Photographie, sich mit Leihgabe-Wünschen an das Museum of Modern Art wandten, dachten die Amerikaner, es handele sich um die Photokina, nicht um die documenta. Als Pontus Hutten, Mitglied des documenta-Komitees, der Stellenwert der Photographie im Rahmen des Kasseler Medienkonzepts klar wurde, trat er zurück.

Diese sechste ist die erste documenta, wo nicht die Bilder der Maler dominieren, sondern die technischen und elektronischen Bilder, Photographie und Video. Läge es nicht an der traurigen Inszenierung der Abteilung Malerei, noch dazu veranstaltet von derselben Arbeitsgruppe: Man könnte von einem späten Sieg der Photographie über die Kunst sprechen. Ungetrübt kann man sich dieser höheren historischen Gerechtigkeit indes nicht freuen. Denn was Anno 1977 endlich als documenta-würdig befunden war, kam als parallele Bildwelt nicht einmal unter ein Dach, geschweige denn in einen Dialog mit der Malerei.

Die Typologie der Photographie, die Klaus Honnef mit dem enzyklopädischen Elan eines August Sander erstellte, endete schließlich, selig in sich selbst, im eigens eingezogenen Zwischengeschoß des Fridericianum. So geriet, im Rahmen einer aktuellen Ausstellung, die historische Photographie zu einer Museumsschau, die die zeitgenössische Photographie fast ausschließt.

Wäre ich nicht für die Photographie auf der documenta, ich wäre nicht so gegen die Art, wie sie hier präsentiert wird: in immergleichen Holzrahmen, unter nivellierendem Mattglas, vielfach zwischen engen Stellwänden. Eine glänzende Ausstellung ist das nicht, aber sie hat glanzvolle Bilder in Fülle. Wer das erste Photo (von Niépce, 1826) oder Daguerreotypien. vergeblich sucht, findet unter den Pionieren immerhin Talbot und Bayard. Von Hill und Adamson (Reproduktionen) über Carjat zu Steichen, von Julia Margaret Cameron über Gisèle Freund zu Liselotte Strelow- welcher Reichtum an Porträts! Der Mensch als Motiv der Kunst, sonst auf dieser documenta weithin verschwunden, in der Abteilung Photographie ist er in allen Sozial- und Seelenlagen präsent, in Krieg und Mode, als einzelner und Masse. Selten zuvor hatte man so ausgiebig Gelegenheit zu Vergleichen: die Porträt-Serie, die Sir Benjamin Stone um die Jahrhundertwende von Abgeordneten und Angestellten des Londoner Parlaments machte, und daneben August Sanders verschärfte Typologie der Klassen aus den zwanziger Jahren. Neben dem alten Paris von Atget die Straßen Alt-Londons, vor ihrem Abriß dokumentiert – und das heißt wenigstens photographisch erhalten – von Henry Dixon und den Brüdern Boole. Die Veränderung unserer Städte: Aktualität heißt die Kehrseite der Nostalgie, die diesen Photos nur oberflächlich ihren Reiz gibt. Wo uns die Selbstbeschäftigung der Malerei mit ihren eigenen Problemen langweilt, erscheint die Photographie bedrängt von den Dingen, betroffen von Anschauung. Ohne sie wüßten wir weniger über die Welt und über uns selbst.

Eine Weltgeschichte der Photographie, das zeigt schon die Gliederung nach Themen und Methoden, sollte diese Abteilung der documenta nie werden. Sie ist es, mit rund 800 (von ursprünglich 1000) Exponaten, dennoch fast geworden. Manche Photos waren "schwieriger auszuleihen als eine Rembrandt-Zeichnung" (Evelyn Weiss). Die beiden größten Photosammlungen der Welt, die Bibliotheque Nationale in Paris und die Royal Photographic Society in London, leihen prinzipiell nichts aus. Manche populären Namen fehlen, Edward Weston etwa, Ansel Adams oder Bill Brand, nun gut. Aber warum wird Otto Steinert, Schlüsselfigur der Nachkriegsphotographie in Deutschland, übergangen? Fehlt der gesamte Bereich der Bauhaus-Photographie nur deshalb, weil sie in der gleichzeitigen Zürcher Ausstellung "Malerei und Fotografie im Dialog" präsent ist? Das Mißverständnis scheint mir grundsätzlich.

"Die Photographie kann bestenfalls ein Dokument sein", dekretiert Klaus Honnef in Anlehnung an Albert Renger-Patzsch. Daß sie mehr und ganz anderes sein kann, zeigt die Abteilung Künstlerphotographie: Zweifel an der reproduzierten Welt (bei Hans-Peter Feldmann), erzählerische Ausweitung des Mediums (John Le Gac), Reflexion der photographischen Sprache (John Hilliard), analytische Photographie (Ugo Mulas). Oder, auch das über den Faktenrealismus hinaus, photographierte Phantasie. "Fiktionen" nennt Les Krims seine Photos, und nicht nur für Duane Michals gilt: "Was ich nicht sehen kann, ist mir wichtiger, als was ich sehen kann."