Von Kurt Sontheimer

Bernt Engelmann ist ein vifer Schriftsteller, ein linker und engagierter dazu. Vor Jahren hat er in zahlreichen Sachbüchern die Besitzverhältnisse der herrschenden Klasse, oder zumindest von Teilen von ihr, enthüllt; seit einiger Zeit ist er durch immer neue Publikationen bemüht, das verzerrte Geschichtsbild der Deutschen zurechtzurücken, von dem er meint, daß es weder der historischen Wirklichkeit, geschweige denn unseren gegenwärtigen politischen Bedürfnissen adäquat sei.

Bei seiner kräftigen Retouche des Mainstreams der deutschen Geschichtsschreibung, die freilich ungleich differenzierter ist, als Engelmann sie darstellt, kommt es ihm weniger auf die Feinheiten und auch nicht auf die – horribile dictu – Ausgewogenheit an als vielmehr auf kraftvolle Pointierung, schlicht: aufs Dagegenhalten. Fast möchte man ihn einen Konterhistöriker nennen, zumal er es sich zur Aufgabe gemacht hat, „Anti-Geschichtsbücher“ zu schreiben. Nach seinen Versuchen, Materialien und Deutungen für einen solchen Geschichtsunterricht à rebours zu liefern, legt er nun eine ziemlich umfangreiche Geschichte über deutsche Radikale vor:

Bernt Engelmann: „Trotz alledem! Deutsche Radikale 1777–1977“; C. Bertelsmann Verlag, München 1977; 425 Seiten, 34,– DM.

Der Titel des Buches entstammt einem Gedicht von Ferdinand Freiliggrath; er findet sich auch in einem schönen, vom Autor zitierten Brief Rosa Luxemburgs aus dem Gefängnis und diente Karl Liebknecht als Überschrift für seinen letzten Leitartikel. Engelmann versteht seinen Titel wohl als Aufforderung an alle heutigen Radikalen, sich durch „die Hetze, die Gesinnungsschnüffelei, die Schikanen und ‚Maßregelungen‘“ nicht einschüchtern und beirren zu lassen, weil nach seiner Auffassung das radikale Denken und Handeln die Zukunft für sich hat.

Engelmann empfiehlt allen, denen die Worte „freiheitlich-demokratische Grundordnung“ täglich dutzendmal glatt über die Zunge gehen, sie sollten sich einmal die Zeit nehmen, darüber nachzudenken, wieviel Freiheit und Demokratie es hierzulande gäbe, wenn Radikale sie nicht erkämpft hätten, und er fährt fort: „Ohne Professor Kants kritische Vernunft, Professor Hegels Dialektik und Dr. jur. Heinrich Heines Erkenntnis ihrer revolutionären Bedeutung, steckten wir geistig noch im Mittelalter.“ Die Radikalen haben uns vorangebracht, radikal sein ist gut, ja, ein Ehrentitel (freilich nur der Linksradikale); wer Radikale bekämpft und verfolgt, versündigt sich am Fortschritt der Menschheit.

Der Autor offeriert uns eine schöne Sammlung von deutschen Radikalen. Da fehlen weder Joseph II. noch Karl Marx, weder Friedrich Schiller noch der Freiherr vom Stein, weder die Burschenschaften noch die Göttinger Sieben, weder Büchner noch Tucholsky und viele andere, wobei ihm einige weniger bekannte Radikale unter den deutschen Jakobinern, vor allem der Mediziner Johann Jakoby, besonders am Herzen liegen. Dessen hundertster Todestag am 6. März 1977 sei in der Bundesrepublik völlig unbeachtet geblieben.