Er habe seinen Gegner gedemütigt oder sie ihre Gegnerin. Solche Ausdrücke findet man heute in Sportberichten, woher mag das rühren? Daß ein Tennisspieler den anderen „in die Knie zwingt“, kommt häufig in den Reportagen, aber so gut wie nie auf den Plätzen vor. Der Ausdruck ist vom Boxsport hinübergeglitten. Er ist bildlich gemeint, und Bilder geben der Schilderung Kraft, wenn sie aus passenden Kategorien kommen.

Doch aus welcher Kiste kommt das Bild von der sportlichen Demütigung? Und wie haben wir uns das vorzustellen?

Mit den Worten „Dies war eine Demütigung“ begann ein deutscher Bericht aus Wimbledon, wo die 23 jährige Amerikanerin Chris Evert ihre 33jährige „Landsmännin“ Billie-Jean King in 50 Minuten 6:1 und 6:2 „niederkanterte“, und zwar kaltblütig.

Hätte der Kampf länger gedauert und wäre der Sieg der Titelverteidigerin knapper gewesen, so hätte vielleicht keine Demütigung stattgefunden. So aber fand sie statt.

Sport? Wir sind auf moralischem Gebiet, sind auf dem Feld von Schuld und Sühne. Also mußte auf dem Tennisplatz von Wimbledon die Dame King vor ihrer blonden Besiegerin niederknien und dreimal sagen: „Erbarmen, erbarmen, erbarmen.“ Sodann rutschte sie zur Seite mit dem Blick zum Publikum und hatte flehentlich folgende Worte zu sagen: „In Demut und Reue bekenne ich meine Niederlage.“ Von diesem Rutschen auf dem englischen Rasen waren ihre Knie gezeichnet. Mit grünen Beinen, hängenden Schultern, und leisem Wimmern der Demut verließ sie den Platz. Sie hatte diese Strafe um so mehr verdient, als sie die Unverschämtheit begangen hatte, eine Göttin herauszufordern, eine Wundertätige. Und damit nicht genug: Aus dem zitierten Bericht geht hervor, daß „die blonde Amerikanerin aus Fort Lauderdale“ die Fähigkeit hatte, „ihre Linienbälle und die quer über den Platz geschlagene Rückhand derartig genau zu plazieren, daß Billie-Jean King oft nichts anderes übrigblieb, als ungläubig den Kopf zu schütteln“.

Vielleicht war dies der Grund zur Demütigung. Hätte sie doch ihren Zwang zu ungläubigem Kopfschütteln unterdrückt! Droht Demütigung, so schüttelt man nicht, sondern neigt den Kopf. Besser noch: Man legt sich rechtzeitig auf den Rücken, streckt alle viere von sich und wackelt dabei leicht zitternd mit Hand- und Fußgelenken. Es ist dies die jedem Hundefreund bekannte Demutsgeste gegenüber einem stärkeren Gegner. Hätte Billie-Jean King sich so verhalten, am besten gleich nach dem ersten 6:1, wäre sie weniger kaltblütig gedemütigt worden, vielleicht überhaupt nicht. Auch ein Kopfschütteln, das nach Staunen oder Anerkennung aussah, hätte ihr vermutlich helfen können, aber Gesten des Unglaubens gegenüber einer Göttin? Uns bleibt nur Mitleid mit der gedemütigten Frau. Oder soll etwa Verachtung sein?