Bislang galt es noch als umständliches, wenn auch nicht mehr abenteuerliches Unterfangen, von Europa aus mit dem Jet ins Amazonasgebiet zu gelangen, Eine neue Air-France-Linie ermöglicht jetzt, ohne Umsteigen, mit nur einer Zwischenlandung, den direkten Anflug nach Manaus im Herzen Brasiliens.

Das Südamerika-Angebot der Air France bereichert den Fremdenverkehr um eine aparte Variante. Insgesamt bietet die französische Gesellschaft jetzt dort drei verschiedene Routen an: Caracas–Bogota–Quito (mit dem Jumbo und der Concorde); Rio de Janeiro–São Paulo–Montevideo–Buenos Aires–Santiago (ebenfalls mit der 747 und der Concorde) und – seit dem 3. April – Cayenne–Manaus–Lima (nur mit dem Jumbo, jeden Freitag ab Paris). Das neue Flugziel Manaus kann zudem, ohne Aufpreis, mit jedem Air-France-Ticket, das auf eines der südamerikanischen Ziele ausgestellt ist, ohne Aufpreis dazwischengeschoben werden. Der Pressechef der Air-France-Direktion in Deutschland, Wolfgang Häg, berichtet von einem steigenden Interesse am Amazonasgebiet unter europäischen Urlaubern in jüngster Zeit. Außerdem galt es, eine schnelle Verbindung nach Lima zu schaffen.

Tatsächlich wurde die Einrichtung dieser neuen Linie von den Reiseveranstaltern aufmerksam verfolgt. „Marco Polo“, einer der deutschen Südamerika-Spezialisten, plant sogar, auf Grund der neuen Route, eine große Brasilien-Rundreise (Dauer etwa 22 Tage) für das nächste Programm aufzulegen. Pressechef Wolfgang Schwotzer: „Brasilien kam bisher in den Reiseprogrammen viel zu kurz. Wir planen eine Route durch die Gebiete Amazonien, Matogrosso und Rio Grande.“ Auf die genauen Stationen und den Preis (etwa 5500 Mark) wollte er sich freilich noch nicht festlegen lassen. Fest steht lediglich, daß die Rundreise in Manaus beginnen soll, denn „dieser Ort eignet sich hervorragend, um die Urlauber mit dem Urwald bekannt zu machen“.

Manaus, die etwa 400 000 Einwohner zählende Stadt am Rio Negro – einem Fluß übrigens, der seinen Namen mit coca-cola-farbenem Wasser alle Ehre macht –, wurde angeblich nach einem Indianerstamm benannt, der in den Anfangen der Kolonisation diesen Teil des Amazonasbeckens bewohnte. Indianer allerdings bekommt man auch im weiteren Umkreis von Manaus heute nicht mehr zu sehen. Die letzten Stämme haben sich inzwischen weit an die peruanische Grenze zurückgezogen, wo der Urwald noch dichter, ursprünglicher, aber auch gefährlicher ist.

Die Vegetation um Manaus wird von den Einheimischen eher als Wald, denn als Urwald bezeichnet. Trotzdem bietet er dem Europäer Eindrücke, die Jugendträumen vom Abenteuer in der „grünen Hölle“ ziemlich nahe kommen. Während organisierter Kanutouren durch das überflutete Urwalddickicht (Veranstalter ist beispielsweise die Selvatur Agency, die am Waldrand über ein schwimmendes Touristenzentrum mit Swimming-pool und Restaurant verfügt), bekommt man riesengroße Bretterbäume zu Gesicht, kann die Tragfähigkeit von Lianen ausprobieren, die Blätter der Viktoria Regia als Regendach benützen und sich, von den Bewohnern eines Pfahlhauses ungewöhnliche Haustiere, wie eine Boa Constrictor, vorführen lassen. Man muß freilich auch damit rechnen, daß um die nächste Ecke das nächste Touristenboot kommt.

Auch Manaus hat seine Attraktionen, Vom breiten Rio Negro aus verfügt es gar über eine Skyline, vom Busfenster aus dagegen über erschreckend viele und irritierend schöne Armenviertel. Doch hält der Bus dort nur auf Wunsch, während er lange am Opernhaus verweilt, das einst, als Manaus noch vom Kautschukfieber befallen war, von reichen Händlern als Musentempel in der Wildnis errichtet und mit fassungslos machendem Prunk und Protz ausgestattet wurde. Sogar mit einem echten Golddach, wie es heißt.

Heute ist das Opernhaus nur noch ein lebender Anachronismus. Trotz Holzhandel und Fischfang hat sich Manaus nicht vom Schock der Erfindung des synthetischen Gummis erholt. Eine neue Hoffnung ist nun der Fremdenverkehr. Nachdem Manaus in den 60er Jahren seinen ersten Touristenboom mit den Amerikanern erlebte, soll die neue Air-France-Linie Manaus nun den Europäern erschließen.