Von Nina Grunenberg

Hamburg

Auf ihrer Landeskonferenz am 11. Juni bescheinigten sich die Hamburger Jusos noch hochgemut "eine Position der Stärke". Da standen sie in der stickigen Markthalle am Hauptbahnhof und konnten nicht anders, als sich in Martin-Luther-Pose mit ihrem abgesetzten Chef-Juso Klaus-Uwe Benneter zu solidarisieren und der Mutterpartei zu zeigen, was der Mut von Bekennern ist.

Doch mittlerweile ist offenkundig, daß sie sich übernommen haben. Am Montag dieser Woche entschied die Hamburger SPD-Spitze nach siebenstündiger Beratung: 56 Jusos raus. Es ist dies der größte Exitus, an den sich SPD-Landesgeschäftsführer Werner Noll erinnern kann und zugleich einer, der auch rechte Sozialdemokraten weniger befreit als bedrückt. Insgeheim müssen sie sich fragen, ob sie mit ihrer Entescheidung eine Lawine losgetreten haben, der sie womöglich nicht mehr Herr werden. Mit den 56 haben sich in kürzester Frist bereits 1400 Hamburger Sozialdemokraten solidarisiert.

Was war geschehen? Der Kampf bahnte sich an, als Benneter im März mit knapper Mehrheit zum Bundesvorsitzenden der Jusos gewählt worden war und gleich darauf begann, eine Serie von Interviews zu geben, die längst gehegte Zweifel an seiner Treue zur SPD erhärteten. Zwar war sattsam bekannt, daß er ein Mitglied der Stamokap-Fraktion war, für deren Anhänger der Staat die Fuktion eines Helfershelfers der Monopolkapitalisten ausübt.

Aber während die "Stamis" ihre Volksfront-Ideologie normalerweise eher flexibel zu verteidigen wissen und geschickt wegtauchen, sobald sie jemand auf DKP-Kurs festnageln will, tönte Benneter mit so wenig Hemmung, daß nun auch Zweifel an seiner Intelligenz aufkamen. Der Höhepunkt war ein Interview in der Linkspostille konkret deren Chefredakteur Hermann Gremliza die Leimruten für Benneter mit offensichtlichem Genuß, aber ohne einsehbare Taktik ausgelegt hatte. Der Juso-Chef Erklärte ihm, daß die Mitgliedschaft in der SPD für die Jusos kein Dogma sei; zum anderen definierte er CDU und CSU als Parteien des Klassengegners, "während die Kommunisten unsere politischen Gegner, nicht aber die Klassenfeinde sind."

Das Interview bot Bundesgeschäftsführer Egon Bahr die ersehnte Chance, Benneter mit Karacho aus der Partei zu hebeln. Bei der anschließenden Solidarisierungskampagne marschierten die Hamburger Jusos in vorderster Reihe. Hamburg gilt neben Berlin als die Hochburg der Stamokaps; die Stimmen ihrer Delegierten hatten bei Benneters Wahl den Ausschlag gegeben. Auf einer Delegiertenversammlung im linken Hamburger Parteibezirk Eimsbüttel wurden die ersten Unterschriften unter einen Brief an den Landesvorstand gesammelt, in dem unbedingte Solidarität mit Benneter bekundet wird, auch mit den inkriminierten Äußerungen in dem konkret-Interview. Auf einer Geburtstagsfeier der stellvertretenden Juso-Bundesvorsitzenden Traute Müller in Hamburg wurde der Brief weiter zur Unterschrift herumgereicht. Insgesamt unterschrieben 62 aufgewühlte, erregte Parteimitglieder. Irgendeiner gab den Brief am nächsten Tag unredigiert auf die Post und fuhr in Ferien.