„Die Schnüffel- und die Büffelzeit / ... bis die Blumen viereckig sind“, Satiren von Helmut Ruge. Dies ist das erste Buch aus dem neuen „texte verlag“, der im zweiten Jahrgang die „tübinger texte“ herausbringt, eine Vierteljahreszeitschrift „für Literatur, Grafik/Photo, Folk und Kritik“. „Tübingen“ im Titel zielt auf den historischen „genius loci“; Lokales ist nicht gemeint. Die Konzeption der Zeitschrift unterläuft eine typische Polarisierung des Literaturbetriebes: exklusiv isolierte „etablierte“ Autoren einerseits, in ihre „Alternativ-Ideologie“ verbissene neue Leute andererseits. In den „texten“ präsentieren sich weniger Bekannte neben Leuten „mit Namen“ (etwa: Astel, Jens, Wondratschek). Die Mischung scheint zu zünden, von Flensburg bis München (Auflage: rund 8000). Auch Liedermacher (Christof Stählin) und Kabarettisten (Hanns Dieter Hüsch, Helmut Ruge) mischen mit. Ruge, Ex-„Hammersänger“, jetzt Texter für die ZDF-„Notizen aus der Provinz“, liefert das Manuskript zum ersten Buch, Auszüge aus seinen neuesten Solo-Programmen. „Die Schnüffel- und die Büffelzeit“ – das ist unser gegenwärtiges politisches Betriebsklima: die bundesweite Jagd auf undemokratische Umtriebe und der selbst Kinder deformierende Leistungsdruck. Dieser Kabarettist gibt sich bieder-böse bitterböse – die satirische Infamie kommt auf Filzpantoffeln: ein guter Start aus einem guten Stall, (texte verlag, Tübingen, Eugenstraße 18, 1977; 96 S., 12,80 DM.) Hanns-Hermann Kersten

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„Warum im Dialekt? Interviews mit zeitgenössischen Autoren“, herausgegeben von Gerhard W. Baur und Hans-Rüdiger Fluck;/„Niederdeutsch heute“, herausgegeben von Claus Schuppenhauer. „Bi uns dunggt sich ainer ärscht grooß, wänner soo schwätze chaa, daß kai Mensch me mergt, wo er häärchuunt. Des isch s Besträäbe vu viile Lüt bi uns, und ich glaub, des müeßt mer e bitzeli abbaue.“ Die politisch-soziale Entwicklung hat dem alemannischen Autor Gerhard Jung diese Sorgen (1972 vorgetragen und jetzt dargeboten in der Dieth’schen Transskription der „Schwyzertütschen Dialäktschrift“) inzwischen abgenommen. Das Volk spricht (wieder) Dialekt und seine Dichter vertrauen ihm mehr denn je; und immer mehr erkennen in ihm ein Stück emotionaler Individualgeschichte, die in den politisch bewegteren Jahren verleugnet worden war. Heute bekennt man sich wieder zu kleinen Sozialräumen und viele sehnen sich wieder nach dem Anheimelnden ihrer „ersten Sprache“. In dem Band „Warum im Dialekt?“ haben die Germanisten Baur und Fluck Gespräche mit 17 oberdeutschen Autoren (darunter Burren, Deichsel, Kusz, Marti, Weckmann) zu Schaffens- und ästhetischen Problemen, zu Rezeption und mundartlichen Publikationsmöglichkeiten versammelt – ein Band über demokratische Nutzbarkeit der Mundart zu feudalem Preis. „Niederdeutsch heute“ bietet zu Dialektgebrauch und -einschätzung eine Fülle von Stellungnahmen aus allen sozialen Schichten, und Berufen, von Bundeskanzler Schmidt bis zum Rentner, von der Hausfrau bis zum Autor, Lehrer und Pastor. Hier finden sich Stimmen, die auf die Mundart eigene Harmonisierung gesellschaftlicher Verhältnisse hereinfallen, aber auch solche – wie Peter Schütts Beitrag zeigt – die Dialekt als Volkssprache nehmen und für einen Realismus reklamieren. – Bei aller Unterschiedlichkeit dringen in beiden Bänden dieselben Argumentationsmuster durch; •danach erscheint Mundart als Sprache mit eigener Funktion, die um so legitimer ist und um so mehr Realität erfaßt, je weniger sie ihre Zuständigkeitsebenen verläßt. Gemeinsam ist den Interviews und Stellungnahmen die Ablehnung eines sprachpflegerischen Verhältnisses zur Mundart; diese wird in ihren sozialen Bezügen und kommunikativen Dimensionen gesehen, in ihrer Wandlungsfähigkeit, als Soziolekt und Umgangssprache. Für die zu wünschende kritische Auseinandersetzung mit der neuen Mundart sind beide Bände noch zu sehr „aus der Mundartecke“ selber her geschrieben; aber beide Bände sind wichtige Beispiele lebendiger und argumentreicher Auseinandersetzung mit umgangssprachlicher Realität. (Francke Verlag, Bern/München, 1976; ’216 S., 42,– DM; / Verlag Schuster, Leer, 1976; 268 S., 25,– DM.)

Manfred Bosch