Von Cornelie Sonntag

Das unauffällige Gebäude ist äußerlich als Schule kaum erkennbar. Auf den Fluren ein paar Glaskästen mit Nachbildungen von Gehirnen, Augen, Knochengelenken; ein Bord mit Kräuterfläschchen – das ist alles. Die Vorlesungsräume aber sind zu Unterrichtszeiten voll besetzt. Jüngere und ältere Schüler, Männer und Frauen, grauhaarige Herren neben Abiturienten lauschen angespannt dem Vortrag des Dozenten. Sie murmeln Fachausdrücke mit, um sie sich rascher einzuprägen, nicken, wenn sie bereits Bekanntes hören, schreiben mit, blättern nach.

Drei Jahre, in Trimester unterteilt, dauert hier die Ausbildung. Die Heilpraktiker-Schule im Hamburger Stadtteil Wandsbek ist eine von fünf derartigen Einrichtungen, die die „Deutsche Heilpraktikerschaft“ in der Bundesrepublik unterhält. Und alle erleben zur Zeit einen Ansturm wie nie zuvor. Diejenige in München, dem zentralen Standort des Verbandes, ist praktisch auf Jahre im voraus ausgebucht. Die Hamburger Schule erweitert just ihr Kursusangebot. Schon die Lehrgänge für 1978 sind stark belegt. Heilpraktiker zu werden ist „in“. Die Statistik verrät: Während die Anzahl der Zulassungsanträge bis 1975 etwa konstant war, stieg sie innerhalb der letzten drei Jahre um über 100 Prozent.

Die Gründe? Vieles kommt zusammen. Illustrierten- und Zeitungsserien über die wundersamen Erfolge der Naturheilkunde, die ungebremste Popularität eines Manfred Köhnlechner, der Glaube an die Wirksamkeit der Akupunktur – all das schürt die Hoffnung auf ein gewinnträchtiges Gewerbe. Einige, der Schulmedizin und der Pharma-Schwemme überdrüssig, entdecken ihre Neugier auf die alten Weisheiten von der Heilkraft der Pflanzen und der Elemente. Andere wieder empfinden ihre bisherigen Jobs in Technik, Verwaltung oder Industrie als nutzlos und langweilig und wollen lieber Menschen helfen – ein ähnlicher Trend wie der zur Sozialpädagogik. Und schließlich taucht in den Heilpraktiker-Schulen ein neuer, eher pragmatisch denkender Typus auf: Abiturienten, die eigentlich Medizin studieren wollten, angesichts der Wartezeiten auf einen Studienplatz aber erst einmal in eine vergleichbare Ausbildung ausweichen.

Numerus-clausus-Flüchter machen an der Hamburger Heilpraktiker-Schule einen starken Anteil aus. Ansonsten ist das Spektrum breit: Apotheker und Pastoren, Hausfrauen, denen die Arbeit nur für die Familie nicht mehr reicht, Architekten, denen die schlechte Auftragslage den Beruf vergällt hat – sie alle melden sich zu den Lehrgängen. Bei solchem Ansturm ist Schulleiter Hans K. Beyer darauf erpicht, die Spreu vom Weizen zu trennen: wer nur aus Verlegenheit oder Gewinnsucht an die Ausbildung herangehe, sei fehl am Platz und bald vom Pensum überfordert, sagt er.

Die Teilnahme an den Kursen fluktuiert stark, nur jeder dritte Kandidat hält bis zum Abschluß durch. „Und darüber“, erklärt Beyer, „sind wir gar nicht traurig.“ Manche sind enttäuscht, wenn sie merken, daß zum Studium mehr gehört als nur ein paar Teerezepte und Blitzanweisungen für die immer wieder beschworene Akupunktur. Andere dagegen sind mit Ernst, ja Enthusiasmus bei der Sache. Wie Kurt Reier, 57 Jahre alt, der vorher siebzehn Jahre lang als Unternehmensberater gearbeitet hat, viele Firmen der Textilbranche in der Phase der Rezession „vor dem Ruin bewahrte“, wie er stolz vermerkt und mitkriegte, „wie viele Neurotiker es unter den Managern gibt“ und sich „fast selbst dabei verschliß“.

Jetzt also der Neubeginn – nicht aus materiellen Gründen, wie er betont – nein, er habe Geld. Aus dem Erlös eines reprographischen Betriebes, den er verkauft hat, finanziert er die teure Ausbildung. Auf 5000 bis 6000 Mark schätzen die Schüler die Kosten, an 3000 Mark für Literatur kommen noch dazu. Viele der angehenden Heilpraktiker bleiben zunächst in ihrem bisherigen Beruf und belegen Abendkurse.