Die Verfolgung und Ermordung Karl Heinrich Marx’ dargestellt durch die Schriftstellergruppe der „Nouvelle Philosophie“ zu Paris unter Anleitung des Herrn Glucksmann

Karl Marx ist der Erbauer des Archipel Gulag. Karl Marx ist der Urheber geistiger Unfreiheit. Karl Marx ist das Übel – nicht Stalin.

Das sind Thesen einer intellektuellen Revolte, die das geistige und literarische Frankreich seit Wochen und Monaten in Atem hält. Le Monde drückte mehrmals hintereinander seitenlange Berichte und Analysen, Angriffe, Erläuterungen und Widerlegungen. L’Express und Le Nouvel Observateur lesen sich wie Diskussionsforen dieser „nouvelle philosophie“: Autoren wie Regis Debray oder Jean-Frangois Revel liefern sich wahre Schlachten, Gallimard verlegte soeben in Massenauflage ein Taschenbuch „Contre la nouvelle philosophie“.

Seit dem Existentialismus der Nachkriegszeit hat es keine so explosive „moraltheologische“ Debatte mehr gegeben. Es ist die radikalste Kritik am Marxismus, die bislang vorgetragen wurde – und die empfindlichste; denn formuliert wird sie nicht von „Reaktionären“ und „kalten Kriegern“, sondern von Wortführern des Mai-Aufruhrs, Marxisten, Leninisten, Maoisten, wie André Glucksmann, dem französischen Rudi Dutschke, oder dem Ex-Parteisekretär Pierre Daix, der sich selber einen ehemaligen Stalinisten nennt. Die negative Bilanz von Glucksmanns soeben erschienenem Buch „Les maîtres penseurs“ heißt: Stalin war kein „Zufall der Geschichte“, die Millionen Ermordeter, Eingesperrter, Gedemütigter – sie sind die unausweichliche, logische Konsequenz des Denkens von Karl Marx. Sein Konzept vom Menschen war zerbrecherisch statt erlösend, sein Konzept von Politik war dirigistisch statt demokratisch, sein Konzept vom Staat war diktatorisch statt republikanisch. Das sind auch Thesen dieser rigorosesten Verwerfung des Marx’schen Entwurfs seit Jahren. Die Kritik dieser aufbegehrenden „Nouvelle Philosophie“ geht zurück bis zum vormarx’schen Denken, bis zu Hegel, dessen verhängnisvolle Wirkung Glucksmann in dem Satz zusammenfaßt: „Wie hört man auf, Hegelianer zu sein“, und Michel Foucault, der Glucksmanns neues Buch rezensiert (siehe S. 35) sagt: „In Frankreich waren es immer die Historiker, die die Revolution gedacht haben (die französischen Philosophen haben zwar, wie wohl alle anderen, an die Revolution gedacht, sie haben sie aber nie entworfen – vielleicht mit den zwei einzigen Ausnahmen, die zwar höchst unterschiedlich sind, aber eine Bedeutung haben: Comte und Sartre).“ Das deutsche Element steht unmißverständlich im Mittelpunkt dieser rasanten Debatte, eines der entscheidenden Bücher heißt nicht zufällig „Karl Marx, histoire d’un bourgeois allemand“. Die Rache einer neu verstandenen Gerechtigkeit schlägt nun zu: der Tod des Sozialismus wird verkündet von denen, die viele Jahre seine militantesten Jünger waren. „Philosophie der Praxis“ nannte Antonio Gramsci einst den historischen Materialismus. Nun wird diese Philosophie wie die Praxis empathisch verworfen.

Und das heißt: hier wird auch eine Absage an den Euro-Kommunismus erteilt. Eine Debatte findet statt, deren Brisanz keineswegs nur im Philosophischen steckt, sondern ebensosehr im Politischen. Wenn das so ist – wie es diese Theoretiker verkünden –, daß von Geburt an eine Verkümmerung in dem Konzept des Sozialismus steckt – dann kann er in keinerlei modernisiertem Gewande sich wahrhaft ändern. Dann ist alle neue Namensgebung – ob „menschlicher Sozialismus“, „demokratischer Sozialismus“, „Euro-Kommunismus“ –, dann wäre das alles nur Kosmetik; keine inhaltliche Neubestimmung – weil der Inhalt von Beginn an definiert ist. Damit ist natürlich ein Beitrag zur aktuellsten politischen Diskussion geleistet, mit dem sich zweifelsfrei Berlinguer wie Marchais wie Carillo auseinandersetzen müssen. Hier wird ja nicht lediglich eine bedenkenswerte Seminarübung abgehalten, die gewiß auch in der deutschen Linken – mit üblicher Verzögerung – diskutiert wird; hier manifestiert sich eine konkrete Anti-Utopie. Was hier, wenn auch in der verbergenden Sprache der Philosophie, gesagt wird, heißt krude ausgesprochen nichts anderes als: Kommunismus bleibt Kommunismus, egal wie er sich nennt.

Die Absage dieser Marx-Kenner erinnert in ihrer Grundsätzlichkeit an den Satz des „roten Presse-Zaren“ Willi Münzenberg nach seinem Abfall von der KP: „Der Verräter, Stalin, bist du!“ Nur geht diese Bewegung der „neuen Philosophie“ an die Wurzeln, bei ihr heißt es: „Der Verräter, Karl Marx, bist du.“ Fritz J. Raddatz