Die Candide des 20. Jahrhunderts, die die alte Welt wie die neue durch ihre Massaker, ihre Schlachten, über ihre Leichenfelder und an ihren terrorverstümmelten Menschen vorüber begleitet haben: Wir sind ihnen begegnet, ob in der Ukraine oder in Chile, in der Tschechoslowakei oder in Griechenland. Die Moral des Wissens, liegt sie heutzutage vielleicht darin, der Wirklichkeit etwas Gellendes, Scharfes, Kantiges zu verleihen – sie nicht zu akzeptieren? Irrational? Gewiß, wenn das Rationale zum bloßen Hinnehmen geworden ist, wenn es dazu führt, Gelassenheit und Ruhe zu entwickeln mit Hilfe irgendeiner übermächtigen Theoriemaschine. Das geht mir durch den Kopf, wenn ich André Glucksmann sagen höre, Kants alte Frage: „Was darf ich erhoffen?“ müsse umgedeutet werden; vielmehr müsse man sich fragen: „Woran kann ich verzweifeln?“ Gegen alle Verordnungen, die uns nur geduldig machen durch allerlei Versprechen, entwirft Glucksmann einen vehementen „Essay der Verzweiflung“. Seine Hauptfrage heißt: „Wie hört man auf, Hegelianer zu sein?“ Prüfstein für die Philosophen der Antike war es, Weisheit zu gewinnen; für die des Mittelalters, das Dogma faßbar zu machen; für die Klassiker, die Wissenschaft zu begründen; für die Denker der Moderne ist es offensichtlich, die Massaker zu rechtfertigen. Die früheren Philosophen versuchten, den Menschen mit dem Gedanken des Todes zu versöhnen – die heutigen tun alles, um uns mit dem Gedanken des Todes anderer entstanden: Ein Massenmörder neuen Typs ist entstanden: Hitler und Stalin (ihr neues Modell ist das des Völkermords an den zu Kolonialvölkern gemachten Nationen). Oder der Archipel machen den die gesamte Linke verständlich zu machen suchte mit irgendeiner Geschichtstheorie, zumindest aber mit einer Geschichte der Theorie. Massaker – ja, ja; aber das war nur ein fürchterlicher Irrtum. Nehmt doch Marx oder Lenin und vergleicht die mit Stalin, dann werdet ihr sehen, daß alles nur ein Versehen war. Man konnte es voraussehen. Die Theorie von Stalin als dem Irrtum der Geschichte wurde rasch zu einem Verständnis des „wahren Marxismus“, eines Text-Marxismus, der uns die 60er Jahre hindurch begleitete. Hört nicht auf die Berichte der Opfer, sie haben nichts zu erzählen als die Geschichte ihrer Erfahrung. Lest die Theoretiker; sie sagen euch die wirkliche Wahrheit. Von Stalin gingen unsere Weisen zurück zu Marx wie zu ihrem Stammbaum. Glucksmann hat den Mut, den Weg umgekehrt bis zu Solschenizyn zu gehen. Das war der Skandal seines ersten Buches „Köchin und Menschenfresser“. Aber der eigentliche Skandal, das was man ihm nicht vergab, war, daß er nicht nur zu Lenin zurückging oder irgendwelchen anderen Heiligenbildern, um ein falsches Zukunftsbild zu entlarven, sondern er lag darin, sehr deutlich zu zeigen: Hier war gar kein „Irrtum“. Der Stalinismus war die Wahrheit. „Ein wenig“ verzerrt, gewiß; er war der politische Entwurf von Marx und auch anderen vor ihm. Im Archipel Gulag schienen nicht etwa die Konsequenzen eines entsetzlichen Versehens auf, sondern vielmehr die Konsequenzen eben dieser Theorie des allein „Wahren“ einer politischen Ordnung. Der Eklat von Gluckmanns neuem Buch „Les maîtres penseurs“, seine Schönheit, seine Wichtigkeit, seine Klarheit und sein Gelächter verdanken sich keinesfalls irgendeinem Humor. Sondern einer großen Notwendigkeit. Glucksmann zeigt den Kaiser nackt: Er ersetzt nicht eine Theorie durch die andere, läßt nicht die eine der anderen widersprechen, sondern setzt die Theorie der Wirklichkeit entgegen. Für ihn handelt es sich darum, über die Theorie hinweg auf die Köpfe der Toten zu weisen.

In Frankreich waren es immer die Historiker, die die Revolution gedacht haben (die französischen Philosophen haben zwar, wie wohl alle anderen, an die Revolution gedacht, sie haben sie aber nie entworfen – vielleicht mit den zwei einzigen Ausnahmen, die zwar höchst unterschieden sind, aber eine säkulare Bedeutung haben: Comte und Sartre). In Deutschland ist die Revolution von der Philosophie entworfen worden, nicht zuletzt weil Deutschland ökonomisch den Engländern und politisch den Franzosen unterlegen war und den Deutschen nichts blieb, als Ideen und Träume. Deutschland hat immer mit der gleichen Sehnsucht den Staat und die Revolution herbeigeträumt (Bismarck, die Sozialdemokratie, Hitler und Ulbricht); das Absterben des Staates und die endliche Erlösung durch die Revolution war für die Deutschen nie etwas anderes als ein großer Traum.

Hier, scheint mir, liegt das Zentrum von Glucksmanns Buch, seine fundamentale Frage, die er zweifellos als Erster stellt: auf welche Weise hat es die deutsche Philosophie verstanden, aus dem Entwurf einer Revolution das Versprechen eines wahren und guten Staates herauszukristallisieren? Aus diesem Gedanken entsprang das Konzept: Macht rasch die Revolution, sie wird euch den ersehnten Staat bringen. Das ist das Stigma: Staat und Revolution in einem. Tretet nur ein in die Abtei von Thélème, ihr werdet frei sein, aber nur deshalb, weil man euch befiehlt. Ihr werdet tun können, was ihr wollt, aber alle anderen tun dasselbe zur selben Zeit, und ihr werdet dasselbe tun wie sie. Seid gehorsam unter dem Befehl, frei zu sein. Revolutioniert – aber innerhalb der Grenzen des Gesetzes; tut nichts, was man euch nicht befiehlt, seid nicht ungehorsam.

Sokrates, der nichts wußte und den Schluß daraus zog, daß das einzige, was er wisse, eben sei, daß er nichts wisse, wird uminterpretiert: Ich weiß, daß ich nichts weiß, doch das heißt, daß die anderen mehr wissen. Das Bewußtsein des Nichtwissens wird zu einem Bewußtsein hierarchischer Überlegenheit. Wisset, sagen die Maîtres penseurs, wisset, ihr Unwissenden, daß der Weise an eurer Stelle denkt – der Universitätsabsolvent, der Diplomat, der Techniker, der Staatsmann, der Bürokrat, die Partei, der Funktionär, der Verantwortungsträger, die Elite. Das ist der Stammbaum, der zur Nichtverantwortung führt, zum Akzeptieren der endlosen Massaker. Glucksmann ist es gelungen, dieses pomphafte Dekor zu demontieren, mit dem sich seit 1789 die große historische Szene umgab, auf der Politik gespielt wurde; und nachdem er dieses Bild zerstört hat, führt er den Deserteur, den Unwissenden, den Indifferenten, den Vagabunden ein. „Les maitres penseurs“ ist, wie jedes der großen Bücher der Philosophie (Wagner, Nietzsche) eine Geschichte des Theaters, wo auf derselben Bühne sich auf befremdliche Weise zwei Stücke vermischen: „Dantons Tod“ und „Woyzeck“.

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Aus dem Französischen von Fritz J. Raddatz