Von Claus Gatterer

Nicht die vielen „Njets“ der Sowjets, sondern politische und strategische Bedenken der Westmächte waren schuld daran, daß der österreichische Staatsvertrag erst im Mai 1955, zehn Jahre nach der Befreiung, unterzeichnet werden konnte. Im Buch

Karl Gruber: „Ein politisches Leben. Österreichs Weg zwischen den Diktaturen“; Molden-Verlag, Wien 1976; 300 Seiten; 32,– DM

erteilt der ehemalige Landeshauptmann von Tirol (1945), österreichischer Außenminister (1945 bis 1953) und Botschafter seinen Landsleuten historischen Nachhilfe-Unterricht. Er nimmt auch seinen Anteil an der gewollten Verzerrung des Geschichtsbildes auf sich. „Es ist eine Legende“, schreibt er, „daß die westlichen Verhandlungspartner von besonderem Eifer erfüllt waren, zu einem raschen Ergebnis zu gelangen. Politischstrategisch konnte dabei für den Westen nichts gewonnen werden.“

Aber: „Wir sahen uns zwar veranlaßt, die Hauptschuld an der Verzögerung den Russen anzulasten, was aber nicht hieß, daß wir vom Vertragseifer der anderen Seite so fest überzeugt waren. Die Notwendigkeit..., die schwer ringende Bevölkerung nicht gänzlich den Mut verlieren zu lassen, ließ es geraten erscheinen, mit der Kritik an unseren westlichen Freunden Zurückhaltung zu üben.“ An anderer Stelle heißt es: „Die österreichische Bevölkerung sah den Hauptgegner für den Abschluß unseres Staatsvertrages eindeutig in den Sowjets, die ja auch dank ihrer plumpen Taktik der Vertragssabotage ständig diesen Eindruck noch nährten. Wir hingegen mußten uns wieder hüten, den Westen offen anzuklagen. Wir hätten dadurch die Bevölkerung glatt in die Hoffnungslosigkeit hineinmanövriert. Trotzdem stellte sich für uns der Westen als das Haupthindernis zum Abschluß des österreichischen Staatsvertrags dar.“

Aus den „hauptschuldigen“ Sowjets, aus dem „Hauptgegner“ in Moskau wurden in der Praxis und Propaganda der Koalitionsparteien die „alleinschuldigen“ Sowjets, Moskau der alleinige Gegner. Da gab es keinen Unterschied zwischen der christlich-konservativen Volkspartei und den Sozialisten, und diese einseitige falsche Beantwortung der „Schuld“-Frage paßte auch gut in das herrschende antikommunistische Klima. Auch für einen bekannten sozialistischen Publizisten war Wjatscheslaw Molotow nur „der Mann der tausend Njets gegen Österreich“.

Zunächst gingen die Westmächte ohne klares Konzept in die Verhandlungen mit den Sowjets. Namentlich den Briten schwebte als Ideallösung ein Österreich und Bayern umfassender katholischkonservativer Alpenstaat vor. Später überwogen dann politische (der Staatsvertrag „ein Geschenk an den Osten“) und strategische Bedenken: „Die westliche Allianz... würde bei Abschluß des Staatsvertrages ihre militärische Lage durch Räumung des Brennerpasses beträchtlich erschweren.“ Dazu muß man wissen, daß Österreichs westliche Besatzungszonen de facto in die Nato integriert waren.