Da ist ein Kind, ein Knabe. In klösterlicher Zucht aufgezogen, lernt er beflissen und begabt Latein und versteht schon mit vierzehn Jahren einiges von der Theologie. Da drängt es ihn heraus, der äußere Anlaß ist eher zufällig, heraus aus der asketischen Lehranstalt, er fühlt sich nicht berufen zur Gottesgelehrsamkeit, nicht bestimmt zum geistlichen Leben, er will kein „betrogener Klostermann“ werden. Und er bricht aus, und kommt über diesen seinen ersten Ausbruch, auf vielen leidvollen Zwischenstationen, zum Ort seiner eigentlichen Bestimmung.

Die Szene ist nicht Maulbronn, das Jahr nicht 1892, der vierzehnjährige Seminarist heißt nicht Hermann Hesse und ist nicht der Sohn eines Missionars aus Calw in Württemberg. Sondern der Ausbrecher heißt Gregorius, ist hochadliger – und inzestuöser – Abstammung, und wir würden ihn einen staufischen Knaben nennen, wenn es so etwas überhaupt gegeben hätte. Wohl aber wird man sich ihn mit eben dem alemannischen Sprachklang sprechend vorstellen wie den Maulbronner Alumnus, denn der Herr seiner Erzählung, der gebildete Ritter Hartmann von Aue, stammte aus dem damaligen Herzogtum Schwaben. Er schrieb die Geschichte von dem „guoten sündaere“ in den Jahren vor 1200 auf, als das Geschlecht der Staufer die deutschen Könige stellte.

Eine staufische Erzählung freilich ist sie darum noch nicht geworden, vielmehr reichen ihre Wurzeln weit und tief in mythische, märchenartige, sagenhafte Schichten des Erzählens vieler Völker und Zeiten zurück. Geschichten, deren Motive, Stoffkomplexe, Handlungsgesten wir als Geschichte zu begreifen, wir als Reflex menschlichen Daseins zu verstehen gelernt haben.

Geschichten als Geschichte, wer die Betrachtung von Literatur als Wissenschaft betreibt weiß, daß er mit diesem Thema im Zentrum dieser Disziplin ist. In welchem Sinne, mit welchem Anspruch, innerhalb welcher Grenzen hat Literatur den Anspruch, als geschichtliches Zeugnis zu wirken? Was sagt, zum Beispiel, die Literatur zur Zeit der Staufer aus über die politischen, sozialen, religiösen Formationen, über die gelebte Wirklichkeit jener Zeit? Was sagt, siebenhundert Jahre später, das Werk Hermann Hesses aus über die Realität seiner – nun auch schon als „geschichtlich“ zu empfindenden – Zeit? Was sagt es schließlich über Hesses Beziehung zu dieser „Staufischen“ Zeit, zum Mittelalter aus?

Hermann Hesse und das Mittelalter – ein Dissertationsthema, und ein fades dazu. Das ist nicht gemeint. Wohl aber steht es Jubiläen wohl an, sich Rechenschaft zu geben über ihren Anlaß und Gegenstand, sollen sie nicht zu sinnentleerten Schmuckhülsen der Selbstfeier ihres Veranstalters degenerieren. Der Versuch, das eine auf das andere zu beziehen, die Staufer auf Hesse, und ihn auf sie, verengt naturgemäß die Perspektive. Doch hat diese Konstellation den Vorzug mancher Vereinfachung: gewisse Eigentümlichkeiten werden bei besonderer Betrachtung unter besonderem Blickwinkel erst sichbar, auch deutlicher sichtbar.

II

Der Mensch im Aufbruch, ein Thema, das durch Hesses Werk insgesamt geht und einen Teil seines Erfolges bei der jungen Generation erklären mag. Aufbruch aus Maulbronn, das heißt Ausbruch aus den vorgebahnten Lebenswegen, den konventionellen Lebensformen, den kalkulierten Lebensläufen. Das heißt Abschied von scheinbaren Sicherheiten, überkommenen Geltungen, vergilbten Traditionen. Das heißt Trennung von Menschen. So hielt Hesse es bis in sein reifes Alter. So hält es der junge Gregorius, der einmal: Papst werden wird. Die Situation ist modellhaft, nicht anders bricht der Knabe Parzifal auf, der einmal Gralskönig werden wird, und seine Mutter geht darüber zugrunde. Das Toren-, das Dümmlingsmotiv des Märchens; die Geschichte von jenem der auszog, das Fürchten zu lerneh, aber auch: das Fürchten zu lehren: Jung-Siegfried. Ein Männer-Modell, Mädchen bleiben zu Hause und werden eines Tages heimgeholt, auch heimgesucht.