Jim Walker lebt auf einer Perle. Oder darin, sein eigener Standpunkt ist flexibel. Er überläßt es dem Betrachter, sein Leben mit, durch und für die Minikunstwerke zu charakterisieren. Ihm liegt nichts an dem höheren Glanz von Austernperlen, aber alles an der Schönheit der von Menschenhand gemachten, bemalten und aufgereihten Perlen. „Manche“, sagt Jim und zeigt mir ein besonders schönes, mit Intarsien verziertes Stück aus Marokko, „manche treiben sich als Zahlungsmittel schon seit Tausenden von Jahren auf dem Globus herum.“

Jim Walker liest sie auf, integriert sie in seine Kompositionen, die mit den überall erhältlichen Folkloreketten nicht mehr gemein haben als die dünnkrustige Pizza eines römischen Vier-Sterne-Restaurants mit den Pappscheiben aus einer New Yorker Imbißstube. Samstags stellt Jim Klapptisch und -stuhl auf den Asphalt inmitten einer der unzähligen Straßenfestivals im sommerlichen New York und verkauft seine Perlen, ein bißchen wehmütig, für 15 bis 20 Dollar das Stück.

Manchmal lohnt sich so ein Tag, manchmal auch nicht, aber Jim ist schon zufrieden, wenn die Leute seine Schätze anschauen. Er hat ein freundlich lächelndes Vollbartgesicht mit klugen Augen, und seine ungeheure Leibesfülle bedeckt auch die dritte T-Shirt-Größe nur unzureichend. Neben ihm sitzt eine dunkelhaarige fragile Schönheit, vor ihm liegen seine Werke aus Perlen, Muschelstücken, Bernstein und Elfenbein und andere kleine Schätze: eine türkische Münze, ein Messingring, ein Skarabäus, den er im Britischen Museum gekauft hat.

Hauptberuflich arbeitet Jim als Requisiteur beim Film. In Hollywood hat er angefangen, half 1960 die „Meuterei auf der Bounty“ ausstatten, ging später nach New York. „Es ist meine Stadt“, sagt er und findet hier nun auch immer bessere Bedingungen für die Filmarbeit, denn Hollywood ist zwar immer noch das Mekka, aber hat doch nicht-mehr das Monopol. Am Tag kann Jim so bis zu 400 Dollar verdienen – genug, um sich für den Rest der Woche seinen Perlen widmen zu können.

Angefangen hatte es mit einer Bekannten, die irgendwann einen Ägypter zum Freund hatte. „Am Ende hatte sie eine stattliche Sammlung von seltenen Stücken.“ Jim fing Feuer,’ unter anderem wegen der Perlen, und heute hat er im Keller seines Hauses im äußersten Westen der 49. Straße einen Arbeitsraum voller Rohstoff – lange Schnüre mit Messingperlen der Massai, Schlangenperlen aus Mali, kleine Glocken vom Stamm der Katari aus Kamerun, lange zylindrische Bauxitperlen aus Nordafrika. Sie werden ihm von Händlern verkauft, die exotische Kunst in die Staaten importieren.

In Kisten und Kästen liegen die Kostbarkeiten, die Jim selbst von seinen Reisen durch die Welt mitgebracht hat. Die besten Stücke trägt er am Hals: ein ziseliertes türkisches Silberschloß („Weiß der Himmel, was das abgeschlossen hat, vielleicht einen Keuschheitsgürtel?“), eine Messingmarke, die früher bei Auktionen auf dem Londoner Fischmarkt eine Rolle spielte.

Jetzt will Jim wieder reisen, nicht für einen Monat, wie sonst, sondern länger. Er ist 47 Jahre alt und reif für einen Wechsel. In Amsterdam, am Museum für Tropische Studien, wartet ein Job auf ihn: Er soll die Sammlung eines der wenigen Experten auf diesem Gebiet katalogisieren. W. van der Sleen hat die erste Perlen-Nomenklatur veröffentlicht. Auch Jim will ein Buch schreiben, aber vorher: lange durch die Souks ziehen. Mit Händlern im Hinterzimmer viel Mokka trinken, bis sie ihm ihre Schätze zeigen, sich dann irgendwo an einen Strand setzen, Paradiso auf Mykonos, oder auch Torremolinos, und die Beute auf Band ziehen. Von dem Erlös wird weiter gereist,