Von Jürgen Born

Wie stark das Leben Franz Kafkas sich in seiner Dichtung spiegelt, wie stark aber auch umgekehrt diese Dichtung auf das Leben des Prager Autors zurückwirkte, ist heute erforscht. Voraussetzung für die rechte Einschätzung dieser Wechselwirkung waren zuverlässige biographische Darstellungen.

Nach den anfänglich nur spärlichen Informationen zur Lebensgeschichte dieses Autors bot 1937 die Kafka-Biographie Max Brods, des langjährigen treuen Freundes, ein erstes umfassendes Bild. 1958 erschien die erste wissenschaftlich fundierte biographische Arbeit, Klaus Wagenbachs „Franz Kafka – Eine Biographie seiner Jugend 1883–1912“. Seither sind zahlreiche Einzelstudien zum Leben des Prager Autors erschienen – Bekundungen eines nicht nachlassenden Interesses an seiner Person. Aber dieses Interesse ist oft darin begründet, daß man über die Person des Autors einen Zugang zu seiner Dichtung zu finden hofft. Den Zugang zu einer Dichtung, die sich dem Zugriff durch jede Art der Deutung letztlich immer wieder zu entziehen scheint.

In der Kafka-Philologie der letzten Jahre lassen sich deutlich die Beiträge unterscheiden, deren Interesse vor allem den dichterischen Texten Autors gilt, und jene, die sich in erster Linie auf seine Biographie konzentrieren. Hartmut Binders zahlreiche Veröffentlichungen über Kafka zeigen allgemein eine Vorliebe für die Lebensgeschichte des Prager Autors. Das gilt auch von seiner jüngsten, bisher umfangreichsten Arbeit –

Hartmut Binder: „Kafka in neuer Sicht – Mimik, Gestik und Personengefüge als Darstellungsformen des Autobiographischen“; J. B. Metzler, Stuttgart, 1976; 677 S., 54,–DM.

Indes, Binders ausgreifende, detailreiche Untersuchung mündet letztlich nicht in einen Beitrag zur Biographie, sondern in die Interpretation eines dichterischen Textes: des „Schloß“-Romans. Eine Interpretation freilich – aus biographischer Sicht. Den dritten und letzten Teil des Buches beschließt der Satz: „Das ‚Schloß‘ ist ein autobiographisches Werk.“

Nun war es ja auch bisher kein Geheimnis, daß sich bestimmte Ereignisse im Leben Kafkas in seinem Werk widerspiegeln, eine Eigentümlichkeit, die er mit vielen andern Autoren teilt. Aber so ist „autobiographisch“ hier nicht gemeint. Viel konkreter, viel unmittelbarer. Der Verfasser bemüht sich, bis ins kleinste hinein Parallelen aufzuweisen zwischen dem Milena-Erlebnis und dem Roman. Die Briefe an Milena seien sozusagen vollständig in den Roman eingegangen“. Und ein wenig später heißt es, im „Schloß“-Roman gebe es „keine Passagen, die sich nicht durch biographische Aussagen absichern ließen“.