Paris, im Juli

Die französischen Kommunisten haben keinen Zweifel daran gelassen, was sie von der sowjetischen Rüge an Santiago Carrillo halten. Generalsekretär Georges Marchais erklärte mit ungewohnter Deutlichkeit: "Der Eurokommunismus ist keine Erfindung der Imperialisten, sondern von verantwortungsbewußten kommunistischen Parteien." Die KPF weiß, daß mit dem Angriff auf Carrillo auch Marchais und Berlinguer gemeint waren. Die heftige Reaktion in Paris ist also nicht nur Schützenhilfe für die spanischen Genossen, sondern auch Rechtfertigung, der eigenen Position.

Wenn Marchais das Wort Eurokommunismus auch nur selten in den Mund nimmt, so ist er doch einer seiner Väter. Auf dem 22. Parteikongreß im Februar 1976 proklamierte die KPF den "Sozialismus in den Farben Frankreichs". Seitdem hat sie eine vorsichtige Loslösung von Moskau betrieben. Ziel dieser Taktik ist nicht zuletzt die Erschließung neuer Wählerschichten. Wollen Marchais Und seine Parteigenossen ihre Glaubwürdigkeit nicht verlieren, bleibt ihnen nichts anderes übrige als jedem Angriff gegen den Eurokommunismus Entschieden entgegenzutreten.

Die Beziehungen zu Moskau sind ohnehin zur Zeit frostig. Als Breschnjew im Juni Paris besuchte, hielt er es nicht für nötig, auch nur mit einem einzigen Vertreter der KPF zu sprechen. Marchais hatte zwar schon vorher abgewiegelt, er müsse Breschnjew ja nicht bei jeder Gelegenheit sehen. Doch nach der Abreise des sowjetischen Staatschefs erklärte er: "Wenn ein Treffen stattfinden soll, müssen gewisse Bedingungen erfüllt sein. Das war gestern nicht der Fall."

Die Pariser Parteizentrale kann auch nicht den Verdacht loswerden, daß Moskau vielleicht auf eine Spaltung der KPF hinarbeitet. An der Basis regt sich Widerstand gegen die Abweichung vom Pfad kommunistischer Tugend. Nicht nur alte Stalinisten, auch andere Genossen befürchten, daß die Parteizentrale zu viele Kompromisse macht, nur um an die Regierung zu kommen. Wie Moskau, sind sie gegen ein Volksfrontbündnis, das zu Lasten der reinen Lehre geht.

Neun Monate vor den Parlamentswahlen kann sich Marchais keine taktischen Winkelzüge leisten. Er reagierte auf die Attacke gegen Carrillo so, als sei sie gegen ihn selber gerichtet. Die Glaubwürdigkeit vor dem Wähler ist ihm wichtiger als sein gutes Verhältnis zu Moskau.

Klaus-Peter Schmid