Wie alle Diktatoren berufen sich auch die Telekraten in südlichen Provinzen auf das Volk. Kein Wunder also, daß die Attacke gegen die Fernseh-Nation unter falscher Flagge vorgetragen wird; kein Wunder auch, daß viele Politiker und Zeitungen, unsere nicht ausgeschlossen, zunächst einmal auf die Werbesprüche der südstaatlichen Tele-Herzöge hereingefallen sind.

Wie schön das auch klingt: Von 1978 an soll das bayerische Publikum im dritten Kanal statt des bisherigen, reichlich mickerigen „Studienprogramms“ ein wirkliches „Vollprogramm“ präsentiert bekommen – voll vor allem mit Unterhaltung. Da dürfen die Zuschauer also entzückt einer künftig wieder heilen Fernsehwelt entgegenblicken. Durch Nachrichten werden sie nur noch geringfügig behelligt. Da das Programm schon um 19.00 Uhr beginnt, können sie sich die „Heute“-Sendung des ZDF schenken; und wenn dann um 20.00 Uhr die ARD-Tagesschau beginnt, wird ihre Fanfare ins Leere klingen.

Der neue bayerische Fernsehseparatismus wurde in diesen Tagen zuweilen als ein Husarenstück der CSU hingestellt. Weit gefehlt! Im Rundfunkrat des Bayerischen Rundfunks haben alle Parteien Bayerischen Der SPD-Chef Rothemund spricht ganz happy von einem „verbesserten Programm“, und auch die FDP glaubt an eine „gelungene Provokation“ und „eine berechtigte Herausforderung im Interesse des Zuschauers“. Hier hat sich nicht eine Partei durchgesetzt, hier hat sich die Provinz durchgesetzt.

Der rundfunkpolitische Ansteckungseffekt ließ nicht auf sich warten. Schon sind die Intendanten des Süddeutschen Rundfunks, des Südwestfunks und des Saarländischen Rundfunks ganz wepsig, es den Bayern nachzutun. Das gemeinsame Dritte Programm dieser Sender („S3“) soll gleichfalls um 19.00 Uhr beginnen. Und Nachrichten? Der Fernsehdirektor in Stuttgart, Horst Jaedecke, hat die erlösende Formel gefunden: „Viel Nachrichten, wenn viel los ist, weniger Nachrichten, wenn wenig los ist.“ Also: ein paar Informationstakte eingestreut in den bunten Fernsehabend. Wobei, was bisher tunlichst verschwiegen wurde, die Betonung auf den Regionalnachrichten liegen soll: „Das interessiert die Leute doch viel mehr.“ Was „die Leute“ interessiert, weiß niemand genau. Das Interesse der Regionalpolitiker liegt freilich auf der Hand.

Was hilft es da, daß die großen, scheidenden Männer des Fernsehens, ARD-Programmdirektor Hans Abich und WDR-Fernsehdirektor Werner Höfer, den Intendanten die Leviten lesen, daß sie davor warnen, die Tagesschau als „den Ort der ARD-Integration und -Identifikation“ leichtfertig zu opfern? Die Provinzler sind nun einmal im Vormarsch, wahrscheinlich unaufhaltsam. Sie aber wollen, und das ist das wirklich Bedenkliche und Bedrohliche an diesem neuen Zersplitterungs-Trend, die Abkehr von der Politik. Wobei in Wahrheit gemeint ist: die Abkehr von der Weltpolitik und von der Bundespolitik. Die Landespolitik, versteht sich, darf im Fernsehen nicht abgeschafft werden.

Das neue Modewort, vor allem in den südlichen Fernsehbereichen der Bundesrepublik, heißt? „Regionalisierung“. Für diese Entwicklung gibt es landespolitische,-aber auch ganz simple menschliche Motive, die dem Ehrgeiz entspringen. Da die Fernsehgewaltigen – das sind in erster Linie, die Intendanten und Direktoren – sich beim ARD-Gemeinschaftsprogramm ins Gemeinsame schicken müssen, hätten sie so liebend gern ihre eigene Spielwiese.

Und Planung macht doch soviel Spaß! Die Programmplaner sind alle längst Gefangene ihres mit wütiger Leidenschaft betriebenen Metiers geworden; Da werden „Leisten“ ersonnen, „Schienen“ gezogen, da „setzen wir das gegen das“. Inhalte? Darüber kann, man später dann immer noch reden.