ZEIT: Herr Vetter, die Klage der Arbeitgeber gegen das Mitbestimmungsgesetz von 1976, in letzter Minute vor Ablauf der Frist beim Verfassungsgericht eingereicht, hat zu einem politischen Eklat geführt. Sprecher der Gewerkschaften haben diesen Schritt des Verbandes und einiger von dem Gesetz betroffenen Unternehmen als „Provokation“ oder gar „Tritt in den Unterleib“ bezeichnet, obwohl die Kläger doch nur von einem Recht Gebrauch machen, das in unserem Staat jedem Bürger zusteht: Gesetze, von denen er betroffen ist, durch das Verfassungsgericht auf ihre Übereinstimmung mit den Grundrechten überprüfen zu lassen. Sie haben sogar Ihre Teilnahme an der Konzertierten Aktion abgesagt, obwohl in diesem Kreis doch über Fragen diskutiert wird, die allen Ihren Mitgliedern auf den Nägeln brennen, nämlich Arbeitslosigkeit und Inflation. Wozu diese überaus harte Reaktion?

Vetter: Dieser Schlag der Arbeitgeber hat uns in einer Zeit getroffen, in der wir die Beziehungen zur Gegenseite eigentlich vertiefen wollten. Dabei mußten wir ohnehin schon mit starken Widerständen aus den Reihen unserer Mitglieder und Funktionäre rechnen, die darüber verbittert sind, daß zur Zeit von der Presse über die Bundesbank bis hin zu Ludwig Poullain, dem Präsidenten der Westdeutschen Landesbank, allein die Lohnpolitik der Gewerkschaften für die gegenwärtige Misere der Wirtschaft verantwortlich gemacht wird.

ZEIT: Eine derartige Diskussion ist für die Gewerkschaften doch nichts Neues.

Vetter: Wir waren durchaus bereit, in der Konzertierten Aktion den Arbeitgebern zu sagen: Was ist Sache. Wir hatten schon einmal einen paritätisch besetzten Ausschuß, der klären sollte, welche Rolle der Lohn in der Kostenstruktur der Unternehmen wirklich spielt. Doch als wir verlangt haben, am Beispiel eines großen Unternehmens einmal exakt nachzurechnen, wie sich Lohn- und Lohnnebenkosten im gesamten Kostengefüge verhalten, hat sich kein Unternehmen zur Verfügung gestellt. Wir waren auch darauf vorbereitet, gemeinsam nach Lösungen für die Probleme am Arbeitsmarkt zu suchen. In dieser Situation mußten wir die Anrufung des Bundesverfassungsgerichts – noch dazu durch eine so große Zahl von Klägern – als Kampfansage empfinden.

ZEIT: Immerhin betonen die Arbeitgeber, daß sie die Mitbestimmung im Grundsatz bejahen. Sie sehen nur das im Grundgesetz verankerte Recht auf Eigentum und die Tariffreiheit durch einzelne Bestimmungen des Mitbestimmungsgesetzes gefährdet.

Vetter: Aber warum greift man dann nicht die viel weitergehende Montan-Mitbestimmung an? Statt dessen soll ein lahmes Gesetz noch der wenigen Teile entkleidet werden, die wir für gut halten.

ZEIT: Fürchten Sie denn den Spruch des Verfassungsgerichts?