Den Kampf um die ersten drei Plätze der Weltrangliste tragen die Deutschen unter sich aus

Die Schlagzeile sagte bereits alles: „The Chemical Reich“ überschrieb die Londoner Sunday Times einen Bericht über die chemische Industrie der Bundesrepublik. Und um ihren Lesern die Weltherrschaft der deutschen Chemie noch suggestiver ins Bewußtsein zu rufen, verwendete die Zeitung für die Überschrift jene altdeutschen Lettern, wie sie im Dritten Reich üblich waren.

Der englischen Sonntagszeitung erschien es suspekt, daß die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg den deutschen Chemiekonzern IG Farben zerschlagen haben, die daraus entstandenen Unternehmen – Hoechst, Bayer und BASF – heute dennoch (am Umsatz gemessen) die ersten drei Plätze auf der Weltrangliste der chemischen Industrie einnehmen. Erst danach folgen der amerikanische Du-Pont-Konzern und das britische Unternehmen ICI.

Ein Blick auf andere Branchen zeigt allerdings, wie relativ der Begriff „Weltherrschaft“ ist. Gegenüber den umsatzstärksten Unternehmen der Welt, dem Öl-Multi Exxon mit 48,6 und dem Automobilkonzern General Motors mit 47 Milliarden Dollar Jahresumsatz (jeweils also über hundert Milliarden Mark), ist der Spitzenreiter Hoechst (Jahresumsatz 23,2 Milliarden Mark) ein Zwerg.

Dennoch war der Sunday Times die Spitzenstellung der deutschen Chemiekonzerne noch vor einem Jahr Anlaß genug, mit der Anspielung auf die deutsche Vergangenheit Ressentiments zu wecken. „Niemand bezweifelt“, so kommentierte sie, „daß es zu Deutschlands Vorteil war, die IG Farben zu entflechten.“ Und als wesentlichen Grund für das schnelle Wachsen der Chemieunternehmen sah die Zeitung die expansive Entwicklung des deutschen Binnenmarktes.

Zumindest für die Vergangenheit haben die Briten damit recht. Die Zukunftshoffnungen der drei Chemiekonzerne werden jedoch von der Entwicklung des Auslandsgeschäfts bestimmt. So waren im letzten Jahr bei allen drei Unternehmen die Zuwachsraten im Ausland größer als im Inland. Und damit zahlte es sich aus, daß alle drei in den wichtigsten Auslandsmärkten auch eigene Produktionsstätten aufgebaut haben, die wiederum den Exporten aus der Bundesrepublik eine solidere Basis geben.

Vor allem die Bayer AG hat unter dem weitoffenen Vorstandsvorsitzenden Herbert Grünewald in den letzten Jahren mit großen Anstrengungen das Auslandsgeschäft ausgebaut. Das bisher kleinste der drei großen Chemieunternehmen hat damit bereits in diesem Jahr die Chance, den Platz drei der Umsatzrangliste mit der BASF zu tauschen.