ZDF, Sonntag, 10. Juli, 22 Uhr: "Nur zum Spaß, nur zum Spiel... Kaleidoskop Valeska Gert", von Volker Schlöndorff

Niemand wird dieses Gesicht wieder vergessen: beinah weiß geschminkt, auf den Lidern blauer Puder, die Lippen kirschrot gemalt wie auf Clownsplakaten, das dunkle Haar so kurz wie je und glatt. "Ich male überhaupt gern", sagt sie und meint damit wohl alle, auch die metaphorischen Gehäuse, in denen sie haust, spielt und tanzt, denkt und phantasiert, die voll Lust selber gestrichenen Lokale in New York oder Berlin oder die Kate in Kampen auf Sylt, wo sie Sommerfrischler seit 26 Jahren unterhält, meint ihren Kopf und ihr Gesicht, auch die vielen ausgesuchten Gewänder aus leuchtend bunten oder schwarzen, seidenglänzenden Stoffen. Weit um ihre funkelnden, andeutungsvollen Augen herum sind viele Falten und Fältchen versammelt, lauter Kostüme aus dem überquellenden Fundus ihrer Mimik, ihrer Seufzer, Rülpser, Schreie, Gluckser. "Diese Frau", hatte 1921 Kurt Tucholsky geschrieben, "tanzt mit dem Gesicht."

Diese Frau ist Valeska Gert. Sie ist nur noch wenigen – nicht einmal dem Großen Brockhaus – bekannt, gleichwohl berühmt als die Schöpferin einer bis dahin unbekannten, unvorstellbaren Art von Tanz, halb Tanzpantomime, halb Ausdruckstanz, manchmal phonetisch ackompagniert und von ihr "Grotesktanz" genannt. Er ist ekstatisch, getrieben "bis an die äußerste Grenze", elementar – wie sie selber. Christiane, ihr hübscher Kampener Kleinkunst-Nachwuchs, nennt sie "teils Urmensch, teils Aristokrat", einen "irrsinnig freien und hemmungslosen", auch hemmungslos ehrlichen Zeitgenossen von nunmehr siebenundsiebzig Jahren.

Das letzte zu begreifen, fällt am schwersten, wenn man die alte Dame ("Wieso alte Dame? Ich bin jung!") erzählen, mimen, singen und deklamieren hört in diesem als "Kaleidoskop" bezeichneten Porträt-Film. Es ist eine von den Fernsehsendungen, die ihre dramatische Kraft aus der Gelassenheit und der Behutsamkeit gewinnen, mit der sie angefertigt worden sind, und die einem noch den Sinn verwirren, wenn der "Heute"-Mann längst aus seiner Backsteinkulisse die letzten nächtlichen Nachrichten-Rudimente verliest.

Eigentlich hat Volker Schlöndorff, dessen Neugier die schauspielende Tänzerin einst bei seinem Film "Der Fangschuß" geweckt hatte, nur ein Interview mit ihr gemacht, aber es mit vielerlei Beweisstücken illustriert: mit den wenigen existierenden – und gefundenen – Filmen von ihr (wie "Die Canaille", nach Tucholsky damals "das Frechste, was wohl je auf einer Bühne gemacht worden ist"), oder mit Filmszenen mit ihr (als Frau Greif in der "Freudlosen Gasse", Frau Peachum in der "Dreigroschenoper", als das Medium in "Julia und die Geister"); Pola Kinski spielt, von alten Photos angeregt und von Valeska Gert angeleitet, ein paar alte Szenen nach, wenn auch etwas mühsam.

Am heftigsten aber wird man gepackt, wenn die Grotesk-Tänzerin ihre Erinnerungen unerwartet selber noch einmal tanzt, und schluchzt, gröhlt, wispert, stöhnt: das "Kummerlied" etwa oder das "Japanische Theater", das mit phonetischem "Japanisch" begleitete Harakiri eines trotzigen Helden, oder den "Tod", ihr Debütstück aus der Pubertät, als sie sich (1917) vorgestellt hatte, tot "und für alle Zeit weg" zu sein, hoffend, das Sterben würde nicht gar zu schlimm werden. Und schließlich rezitiert sie ein erschütterndes Kabinettstück aus der "Hexenküche", ihrem Berliner Nachkriegs-Cabaret: über die KZ-Kommandeuse Ilse Koch.

Anfangs war Valeska Gert Schauspielerin und Tänzerin, dann mißfiel ihr das ewige Hin und Her: "Da" – so erzählte sie einer Journalistin – "erfand ich, um beides zu haben, schauspielerische Gestalten, die ich tanzte." Da sie etwas gegen Bürger hatte, tanzte sie vorzugsweise Figuren, die Bürgern ekelhaft waren und die zu tanzen obendrein noch niemandem eingefallen war: Huren, Ammen, "Ausgeglitschte", auch den Tod, das Großstadt-Verkehrschaos, den Zirkus, Boxkämpfe und andere Sportübungen. Nein, für grotesk hält sie ihre Tänze eigentlich nicht, nur sei die Darstellung bis an die äußerste Grenze intensiv. So ist es lustig zu hören, daß sie die Verehrung für den Expressionismus nicht zu teilen vermag, weil der mit seinen ehrfürchtig gepriesenen Übertreibungen nichts weiter sei – als Kitsch.