Von Hans Eckart Rübesamen

Der Schlag traf mich voll im Kreuz. Mein Nachbar am Swimming-pool des renommierten Trainingscamps hatte mit einer raumgreifenden Bewegung demonstriert, wie man hier die Rückhand schlägt. Beim Gruppentraining geriet ich ins Schußfeld der Ballmaschine, die einen trockenen Treffer in meiner Magengrube landete. Schließlich versetzte mir meine Frau im Badezimmer einen wuchtigen Schlägerhieb auf den Kopf. Sie kontrollierte, während ich mich rasierte, ihren Aufschlag vor dem Spiegel.

Bevor wir bei den Budings in Bandol (Côte d’Azur, zwischen Toulon und Marseille) landeten, war Tennis in meinen Augen, verglichen etwa mit Eishockey oder Drachenfliegen, eine gefahrlose Sportart gewesen. Doch die Besessenheit mancher Tennisspieler hat es in sich. Anfangs haben wir uns über deren zeitweilig heillose Monomanie lustig gemacht. Aber nicht lange.

„Tennis-Buding“ versteckt sich in einem lichten Pinienwald, etwa zwei Kilometer hinter der Küste: 30 Asphaltplätze auf einer 80 000 Quadratmeter großen Anlage, über die sich rund 50 Reihen-Bungalows locker verteilen. Dazu gehören außerdem das Restaurant, eine Bar, eine Boutique und eine kleine Piscine, nicht beheizt. Stellenweise kann man das Meer und ein Stück Küste sehen. Doch die meisten ignorieren das reizvolle Panorama. Der Anblick von Wasser würde sie von der Konzentration auf den kleinen weißen Ball ablenken.

Profil und Individualität bekommt die Anlage aber erst durch die Buding-Sippe. Die Budings wiederum sind, natürlich, nicht denkbar ohne ihren ideenreichen, kaustisch-querköpfigen, scheinbar unverwüstlichen Vater. Franz Buding hat es fertiggebracht, trotz seiner bewegten Vergangenheit, für die der Lauf der Geschichte verantwortlich war, zwei Weltklassespieler – Edda und Ingo – sowie ein sportlich-technisch-musisches Universalgenie – Lothar –, aufzuziehen, und mit ihnen eine Institution zu schaffen, die schon fast ins Reich der Legende gehört. In seiner „pädagogischen Provinz“ an der Côte d’Azur dreht sich alles Denken und Trachten nur noch um Tennis. Vor zehn, fünfzehn Jahren kam niemand, der es in diesem Sport zu etwas bringen wollte, an Bandol vorbei.

Heute kommen kaum noch „Cracks“, dafür um so mehr Tennisfans der Mittelklasse: Routiniers, die ihr Schlagrepertoire überholen wollen, Mannschaftsspieler auf Bezirks- oder Kreisniveau, die sich auf die Punktspiel-Saison vorbereiten oder tennisbegeisterte Familien mit Kindern und Eheleute, die das Gelöffel ihres Partners nicht mehr mit ansehen konnten. Gut vertreten sind regelmäßig die Herren im Seniorenalter, die sich insgeheim fit machen wollen, um auf der Rangliste im heimischen Klub vielleicht doch noch einmal einen Platz vorrücken zu können. Denn sportlicher Ehrgeiz kennt keine Altersgrenze, wohl aber einen zweiten Frühling.

Auch Amateure haben also ihre Gründe, sich ganz und gar dem Tennisurlaub zu verschreiben. Dabei zeigt sich, daß die Spieler – von ihrer heimischen Klub-Clique getrennt – umgängliche Leute sein können. Ton und Tenue in Bandol sind leger. Snobs verirren sich nur selten zu den Budings und räumen meistens bald wieder das Feld. Den elitär gesinnten Mitgliedern elitärer Klubs ist es hier nicht genügend „comme il faut“. Die Anlage liegt schließlich in Frankreichs tiefstem „Midi“, manche Plätze sind schief, manche Netze ungeflickt, und Tennislehrer „Tarzan“ läuft in einer verwaschenen, unglaublich engen Minihose herum.