Zwingt eine geringe Haltbarkeit des Jahrgangs 1976 zum schnellen Verkauf?

Lange bevor die Lese begonnen hatte, wurde er zu einem „großen Jahrgang“, gar zu einem „Jahrhundertwein“ hochstilisiert. Nun wird dem Verbraucher von den Werbestrategen der Weinwirtschaft geraten, der 76er sei eigentlich viel zu schade zum Soforttrinken, man solle sich lieber einen Vorrat von möglichst vielen Flaschen in den Keller legen, ihn weiter reifen lassen und in späteren Jahren bei besonderen Anlässen mit Kennermiene hervorholen und seinen Gästen als Rarität kredenzen. Fürs erste, so heißt es, solle man lieber zu den noch reichlich vorhandenen „frischen“ und „süffigen“ 74ern und 75ern greifen.

Diese Empfehlungen sind allerdings mit einiger Vorsicht zu genießen. Denn der von viel Sonne verwöhnte 76er besticht zwar auf Anhieb durch seine Qualität, seine in Oechsle-Graden gemessenen „Mostgewichte“. Aber ihm fehlt weithin die notwendige Säure, von der allein die Haltbarkeit abhängt. Erst das harmonische Gleichgewicht von Zucker, der zu Alkohol vergoren wird, und Säure garantiert eine lange Lebensdauer – so kann man in jedem Weinbuch lesen. Beim 76er ist es deshalb fraglich, wie lange man ihn tatsächlich als „Goldschatz“ lagern kann.

„Alle Winzer machen sich Sorgen, weil der 76er so wenig Säure hat“, weiß der Weineinkäufer eines großen Lebensmittel-Filialunternehmens. Auch Wolfgang Heeß von der Nestle-Tochter St. Ursula Weingut und Weinkellerei GmbH in Bingen bestätigt, daß es „eine ganze Menge“ Wein aus dem letzten Jahr gebe, dem das nötige „Säurerückgrat“ fehle, vor allem bei Rebneuzüchtungen wie etwa den Sorten „Kanzler“ und „Bacchus“. Allerdings sieht er keine Probleme, den 76er „mindestens vier bis fünf Jahre“ ohne Geschmackseinbußen zu lagern. Selbst bei der Gebietswinzergenossenschaft Franken in Repperndorf bei Würzburg, die mit ihren Weinen nach Qualität und Preis in den oberen Kategorien rangiert, räumt Verkäufer Heinz Röder ein: „Die Säurewerte sind allgemein sehr niedrig.“

Demgegenüber hält der Geschäftsführer des „Stabilisierungsfonds für Wein“ in Mainz, Franz Werner Michel, den 76er ohne Abstriche für einen „Goldschatz“: „Er ist zumindest im Rheingau und an der Mosel von der Säure her besser als der 1971er. Der Hochheimer Winzersohn Michel ist ohne Zögern bereit, „einen guten 76er Riesling für eine bis zu zwanzigjährige Lagerhaltung zu empfehlen“, und er tut’s nach Kräften. Der letztjährige Wein aus klassischen Lagen, so präzisiert er, also bewährte Rebsorten aus angestammten Weinbergen, haben eine „gute Lebenserwartung“. Wie es allerdings mit Neuanlagen und gar Rebneuzüchtungen stehe, „weiß man nicht“. „Ich hüte mich zu sagen, daß diese schlecht oder nicht haltbar sind.“

Schließlich müssen der von der Weinwirtschaft finanzierte „Stabilisierungsfonds“ und die Schwester-Institution „Deutsches Weininstitut“ in Mainz die geschäftlichen Interessen aller Winzer vertreten – auch derer mit neuen Lagen und Neuzüchtungen, die ebenfalls vom guten Ruf und dem guten Preis des 76er profitieren wollen. Wein-Pressemann Jochen Bielefeld: „Das ist unsere fürchterliche Neutralität.“

Wenn der 76er aber tatsächlich ein „Goldschatz“ sein sollte, ist damit noch nicht gesagt, daß die Weinliebhaber ihn auch heben können. Denn manche Winzer lassen ihre Spitzenweine aus dem letzten Herbst lieber noch im eigenen Keller liegen. Ihre Spekulation: 1976 hatte zwar hervorragende Qualitäten, aber mit 8,6 Millionen Hektolitern eine geringere Ernte als 1975. In bestimmten Lagen an der Mosel wurden nur 50 bis 60 Prozent der Vorjahresmenge erreicht, in einzelnen Gebieten Frankens nur 60 bis 70 Prozent. Da die Ernte 1977 skeptisch beurteilt wird, glauben Großeinkäufer: „Die Winzer halten die besten Weine aus 1976 zurück. Denn wenn es 1977 überwiegend nur Qualitätsweine und viel weniger Prädikatsweine gibt, dann steigt der Preis für den 76er noch.“