"Mir liegt alles Politische nicht, sonst wäre ich längst Revolutionär." Das Bekenntnis Hermann Hesses begleitet in diesen Juli-Tagenalle Besucher des "Kanzler-Festes", falls sie das Abschiedsgeschenk aus dem Stadttheater, ein Kalendarium mit Aphorismen und Aquarellen des Dichters, zur Hand nehmen. Hat Helmut Schmidt das Präsent nun als Reverenz vor dem unpolitischen Guru oder dem politischen Hesse gedacht? Zur Politisierung oder zur Entpolitisierung der Leser? Und wie steht er zu dem Zitat? Noch hat die Opposition nicht um ein klärendes Wort des Kanzlers nachgesucht.

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Die Abgeordneten besitzen viele Bücher und lesen gern in ihrer Freizeit. Der Haken ist nur: Freizeit haben sie kaum. Wenn es stimmt, was dem Börsenblatt sonst noch zu entnehmen war, spielt sich in den Parlamentsferien gegenwärtig folgendes ab: 59 Prozent der Mandatsträger aus der SPD-Fraktion stürzen sich vorrangig auf die Lektüre, erst an zweiter Stelle widmen sie sich der Familie; dagegen geht nur 45 Prozent der Christlichen Demokraten und einem Drittel der Liberalen Lesen über alles, also über: Sport, Wandern, Spazierengehen, Musik-Hobbys. Statistisch besehen, handelt es sich bei den FDP-Parlamentariern – aus der Partei der Bildungsbürger – um eine ziemlich unbelesene Politiker-Gattung. Eine gute halbe Stunde schmökern sie pro Woche, CDU/CSU- und SPD-Abgeordnete sitzen im Durchschnitt immerhin gute drei Stunden über den Büchern.

Die wirklichen Bonner Leserschicksale verschließen sich freilich der Statistik: Weder wird verraten, wer absolut nichts liest, noch, wer wie Jimmy Carter das Quer-und-schnell-lese-System beherrscht. Dem FDP-Abgeordneten Martin Bangemann wird zum Beispiel ein immenses Lesepensum nachgerühmt; Herbert Wehner hat nicht nur ein Faible für Literatur, er gilt geradezu als Bücherwurm (und Fernseh-Feind). Das Börsenblatt müßte in Bonn mal tiefen bohren.

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Wenn bekannt würde, wie viele der Abgeordneten über wahre Prachtbibliotheken verfügen (2036 Bücher pro CDU-MdB, 1952 jeder SPD-Abgeordnete, 520 im Durchschnitt ein statistischer Liberaten), würde der Respekt vor dem Stand gewiß wachsen. Als Autoren sind die Parlamentarier ungewöhnlich rege. Unter dem Titel "Die Einsamkeit des Politikers" wird Dieter Lattmann (SPD-MdB) rechtzeitig zur Buchmesse im Herbst in Buchlänge die Einsamkeit des Schriftstellers beschreiben, der ein Mandat in Bonn besitzt. Seine Fraktionskollegin Hertha Däubler-Gmelin hat soeben eine gründliche Untersuchung darüber veröffentlicht, wie Frauen zunehmend aus dem Arbeitsmarkt gedrängt werden. Liselotte Berger, Lenelotte von Bothmer, Helga Schuchardt, Herbert Gruhl, Norbert Blüm, Frank Haenschke... die Verfasser-Liste ist respektabel lang. Die Neigung, außerparlamentarische Politik mit Büchern zu machen, wächst.

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