Wonach die Alchemisten vergeblich gesucht hatten, jetzt scheint es gefunden – das Elixier des Lebens, der Stoff, der alle Krankheiten heilt. Und es ist nicht irgendeine exotische chemische Verbindung, sondern das altbekannte Vitamin C, die Ascorbinsäure. Ihr schrieb der amerikanische Chemiker Linus Pauling aus Kalifornien vor einem Publikum aus Nobel-Laureaten, Studenten und Journalisten auf der diesjährigen Tagung der Nobelpreisträger in Lindau wahre Wunderwirkung zu. Der doppelte Nobelpreisträger (Chemie 1954, Friedenspreis 1962) hatte schon vor einigen Jahren mit einem so populären wie umstrittenen Buch Aufsehen erregt, in dem er behauptete, daß große Mengen des Vitamin C, täglich genommen, Schnupfen und Grippe heilen oder verhüten sollen.

In Amerika waren kurz nach Erscheinen des Buchs die Vitamintabletten ausverkauft. Und bald produzierte die US-Pharmaindustrie ein mehrfaches der bis dahin hergestellten Ascorbinsäure-Mengen. Doch meisten und husteten die Amerikaner so oft und viel wie vorher. Schließlich meldeten sich Wissenschaftler zu Wort, die Paulings Thesen experimentell nachgeprüft hatten – mit negativen Resultaten.

Unbeirrt jedoch fuhr Pauling fort, nicht nur selbst tapfer jeden Morgen einen gehäuften Teelöffel des sauren Vitamin-C-Pulvers hinunterzuwürgen, sondern dies auch seinen Mitmenschen zu empfehlen. Aber wie die nun einmal sind, gaben viele die Kur des nobelpreisgekrönten Wissenschaftlers bald wieder auf. Ihr Abfall von der neuen Vitaminlehre wurde sicher auch von medizinischen Publikationen beschleunigt, in denen zu lesen war, daß Vitamin C, in großen Dosen eingenommen, gar ungesund sei, zumal es sich mit der Zeit in ein Gift verwandle, was man aber am Geschmack nicht erkenne.

Linus Pauling konnte all dies nicht entmutigen. Im Gegenteil. Er fand einen Mitstreiter in England, der dem Vitamin weitaus segensreichere Wirkungen zudachte als die Heilung banaler Infekte. Der schottische Chirurg Cameron am Vale-of-Leven-Krankenhaus verabreicht seinen Krebspatienten regelmäßig Natriumascorbat, ein Natriumsalz der Ascorbinsäure, das vom Magen besser vertragen wird als das ungebundene Vitamin C. Schon vor zehn Jahren will dieser Doktor Cameron beobachtet haben, daß große Vitamin-C-Mengen – zehn Gramm pro Tag – die Bildungsgeschwindigkeit von Bindegewebe erhöhen und die allgemeine Widerstandsfähigkeit des Körpers steigern. Vor allem hätten hundert an Krebs leidende. Totkranke, die diese Vitamindosen bekommen hatten, viermal solange überlebt wie tausend am gleichen Krebs im gleich fortgeschrittenen Stadium erkrankte Patienten ohne die Ascorbat-Gaben. Freilich handelte es sich, wie Pauling in seinem Lindauer Vortrag einräumte, ausnahmslos um Todeskandidaten mit einer Lebenserwartung von etwa einem Monat, die der Schotte um durchschnittlich drei Monate verlängert haben will.

Cameron gilt als Außenseiter der Medizin, und seine Befunde werden allein dadurch, daß sie ein doppelter Nobelpreisträger verkündet, nicht glaubwürdiger. Zumindest müssen sie sich, wie jedes wissenschaftliche Experimentalergebnis, als reproduzierbar erweisen, ehe man sie ernst nehmen darf. Das steht noch aus.

Es hindert Linus Pauling nicht daran, öffentlich zu verbreiten, Vitamin C in abenteuerlichen Mengen von zehn Gramm pro Tag eingenommen, schütze nicht nur vor Viruskrankheiten wie Grippe und Hepatitis, sondern könne auch Herzschwäche, Augenüberdruck (Glaukom) und Krebs heilen.

Denn Linus Pauling hat da eine Theorie. Mensch und Affe unterscheiden sich von allen anderen Säugetieren dadurch, daß ihr Organismus nicht imstande ist, Vitamin C selbst herzustellen. Darum erkranken Menschen, die keine Ascorbinsäure mit der Nahrung zu sich nehmen, an Skorbut. Allerdings genügen zur Verhütung dieser schweren Mangelkrankheit ein paar Milligramm Vitamin C, weniger als die meisten Leute mit dem Verzehr vor allem von Obst und Gemüse zu sich nehmen. Professor Pauling aber sieht das ganz anders. Er hat errechnet, wieviel des Vitamins die Tiere synthetisieren und diese Menge auf ein menschliches Körpergewicht von 70 Kilogramm hochgerechnet. Dabei kamen zehn Gramm täglich heraus. Also, schloß der Doppel-Laureat, benötigt der Mensch jeden Tag zehn Gramm Ascorbinsäure. Und wenn er die nicht kriegt, stellen sich unsere Zivilisationskrankheiten ein, allen voran der Krebs.