Seit dem 1. Juli hat die ZEIT einen neuen Verleger: Diether Stolze, 48, bisher stellvertretender Chefredakteur und Chef des Wirtschaftsteils der ZEIT.

Wie lange darf ein Mann in „leitender Stellung“ arbeiten? Manche große Gesellschaften schicken ihre Vorstandsmitglieder mit 60 Jahren in den Ruhestand oder in den Aufsichtsrat. Professoren dürfen ihren Lehrstuhl bis 68 behalten, dann werden sie emeritiert. Andere Beamte müssen mit 65 Jahren gehen. Sonst kann jeder schon mit 62 den Ruhestand wählen – 65 ist das „normale“ Pensionsalter der Bundesbürger. Diese Ordnungen haben alle ihren Sinn. Phantasie, Entscheidungskraft und Reaktionsschnelligkeit sind nun einmal Eigenschaften, die mit dem Alter vergehen.

Den für einen Verleger angemessenen Zeitpunkt des Rückzuges von der Arbeit habe ich schon verpaßt, mit 71 Jahren. Die ZEIT ist zwar für ein Zeitungsunternehmen klein. Immerhin wird sie 1977 etwa 60 Millionen Mark umsetzen, die Hälfte aus Anzeigen, die andere Hälfte aus dem „Vertrieb“ – dem also, was die Leser bezahlen. Zwar hat die ZEIT die anderen Wochenzeitungen überrundet, mit jetzt über 350 000 verkaufter Auflage. Zuerst Ernst Samhaber und Richard Tüngel, dann Josef Müller-Marein und Marion Gräfin Dönhoff, jetzt Dr. Theo Sommer haben das 1946 gegründete Blatt als Chefredakteure zu Weltruf gebracht. Die Redaktion hat gerade – auch durch Neu-Engagements – die Plattform für einen Start zu weiteren Auflagenhöhen geschaffen. Aber die ZEIT steht immer im harten Wettbewerb zu den erfolgreichen und wirklich guten überregionalen Tageszeitungen. Dazu steht sie – vor allem im Anzeigengeschäft des ZEITmagazins – im Wettbewerb mit Blättern wie „Spiegel“, „Capital“, „Manager-Magazin“ und – horribile dictu – sogar dem „Playboy“ und ähnlichen Druckerzeugnissen.

Wie man jenen Blättern standhalten könne – darüber hat es in den letzten Jahren zwischen Redaktion und Verlag viele Unterhaltungen gegeben, immer freundschaftlich, aber doch für beide Teile strapaziös. Da merkt man dann schnell, daß einem im Alter die Überzeugungskraft fehlt, über die man früher vorlend gebot. Und da sieht man sich dann vorsichtig um: Meinen die anderen etwa, es sei Zeit, sich zurückzuziehen? Man erinnert sich, wie erbarmungslos man gedacht hat, als man selbst noch jung und andere alt waren. Vor wenigen Wochen gar hat mir mein Freund Henri Nannen in einer Diskussion nachdenklich, aber fest versichert, mein Standpunkt zeuge von Altersstarrsinn. Warnzeichen?

Seit über einem Jahr bereiten wir also – Redaktion und Verlag – meinen Rückzug vor. Die Zahl der möglichen Nachfolger für den Posten des ZEIT-Verlegers war nicht sehr groß. Die Zahl derer, die zugleich für diesen Beruf geeignet sind und der Redaktion zusagen, war sogar klein – und in jedem Zeitungsverlag ist die Redaktion nun einmal das Herzstück.

Recht und schlecht war über die Jahre der Umgang zwischen Verlag und Redaktion einigermaßen geglückt. Es hatte schwere Zeiten gegeben, als ich – bis Januar 1962 – noch im Bundestag war; was man sich als Bundestagsabgeordneter und Mitglied einer großen Fraktion von „seiner Zeitung“ wünscht, widerstreitet oft dem, was die Redaktion für richtig hält. Die Redaktion hat Rücksicht genommen; ich hoffentlich auch. So haben wir schwierige Zeiten überstanden.

Jemand, der der Redaktion nahestand, sollte also ZEIT-Verleger werden. Die Wahl fiel schnell auf Diether Stolze. Er war 1963 zur ZEIT gekommen. Seine Berufung zum Wirtschaftschef rief damals in der eigenen Redaktion Bestürzung hervor, bei den Kollegen der anderen Blätter hinter besorgten Mienen verborgene Schadenfreude: ein Illustrierten-Autor! Richtig: Diether Stolze war, Marion Dönhoff und mir aufgefallen mit einer Artikelserie im STERN: „Mach mehr aus Deinem Geld!“ Er war der Sohn des einstigen Feuilletonchefs beim „Berliner Lokalanzeiger“; Volkswirtschaft hatte er nie studiert. Schreiben lernte er in der Werkstatt von Altmeister Werner Friedmann. Eines Tages hatte er auf Rat des Bankbeamten, der seine kleinen Ersparnisse verwaltete, eine Aktie gekauft – und daran verloren. Der neugierige Journalist wollte wissen, wie das wohl zugegangen sei und studierte fortan die Börse, die Gesellschaften. So lernte er „Wirtschaft“ von der schmerzlichen Seite. Seit Mai 1976 ist er der einzige Alleinzeichnungsberechtigte Generalbevollmächtigte des Verlages; er hat wichtige Verhandlungen erfolgreich für uns geführt.