Seit ich aus Bonn zurück bin, werde ich mit der Frage bestürmt: „Wie war’s denn nun wirklich auf dem Kanzler-Fest? Was hat Schmidt zu dir gesagt, was Genscher dir geantwortet?“ Darum will ich jetzt berichten, wie es mir dort ergangen ist:

Als Adele und ich uns festlich gestimmt dem Bonner Theater und Festplatz näherten, stellte sie fest, daß sie nun doch den falschen Rock angezogen hatte und wollte sofort ins Hotel zurück. Aber dazu war’s zu spät, denn schon waren wir in einem Spalier von Schaulustigen eingekeilt, die uns und weitere 2800 Prominente erwartungsvoll anstarrten. Wir zwängten uns dann durch den auffallend unauffällig bewachten Eingang hindurch und hielten dabei den Herrn von der Sicherheit unsere Kennkarten vor die Nase, aber die von Adele ignorierten sie höflicherweise. Von diesen Herren wimmelte es dann geradezu auf dem Fest, sie waren alle mit Sprechfunk bewaffnet, und hatten sich untereinander offenbar viel zu erzählen.

In der Kassenhalle erspähte ich sofort Minister Friderichs, umringt von vielen Freunden, die ihn alle photographieren wollten. Ich hätte mich gern zu ihm durchgekämpft, um von ihm etwas über seine Energiepolitik zu erfahren, aber da zog mich Adele schon energisch zu einem voluminösen Baumkuchen, von dem sie sich gleich ohne Rücksicht auf ihre Diätkur und die guten Sitten drei Stücke auf den Teller legte.

Inzwischen war es halb neun geworden. „Gleich wird uns der Kanzler begrüßen“, sagte ich zu ihr, „und dabei will ich nicht fehlen. Denk’ bitte an letztesmal!“ Beim letzten Kanzlerfest waren wir nämlich ihrer Lockenwickler wegen zwei Stunden zu spät gekommen. – Adele mußte jetzt aber erstmal „wohin“, und während ich auf sie wartete, wälzte sich ein Menschenpulk an mir vorbei, in dessen Zentrum ich Genscher erkannte, der ein Gesicht machte, als sei ihm wieder sehr nach einer kleinen Weltreise. Ich wäre ihm gern etwas näher gekommen, mußte aber auf Adele warten und hatte darum wieder eine einmalige Chance verpaßt.

Als wir nun den Saal betraten, schienen sämtliche 900 Plätze belegt zu sein, aber die für die Sicherheit Verantwortlichen hielten stehende Zuschauer für ein Risiko und fanden dann für uns rührenderweise doch noch zwei Sitzplätze. Von dort, aus einer Entfernung von etwa hundert Metern, habe ich dann tatsächlich unseren Gastgeber, den Kanzler, sehen dürfen, wenn auch nur während seiner Rede und dann niemals wieder. Aus seinem Munde erfuhr ich, daß uns auch das Bundespräsidentenpaar mit seiner Anwesenheit erfreuen würde, aber daß sie überhaupt anwesend waren, entnahm ich erst viel später den Photos in den Zeitungen.

Assistiert von drei glitzernden Go-Go-Girls führte uns dann der Kanzler einen launigen Sketch vor, indem er dieselbe Passage einer Rede fünfmal las. „Playback!“ flüsterte mir Adele kennerhaft zu, worauf ich dann die Szene fast ebenso komisch fand wie der Kanzler selber. Als ich dann auch noch lebhaft klatschte, um dem Kanzler zu demonstrieren, daß ich nicht nur vor ihm sitze, sondern trotz allem immer noch hinter ihm stehe, knuffte sie mich rügend in die Seite, denn Adele hat den Kanzlerwechsel noch bis heute nicht ganz verwunden.

Dann wurde die Bühne zum Tanzen freigegeben. Ich wollte auch gleich mit Adele ein Tänzchen wagen, bekam aber von ihr einen Korb. Auf meine Beteuerung, daß ich wie ein Zwanzigjähriger tanze, erwiderte sie kühl, das sei es ja gerade, was sie an meinem Tanzstil störe.