Kein Kulturpolitiker scheint sich mehr zu trauen, Museen und Theater aus sich selbst heraus zu legitimieren und unabhängig von Besucherzahlen den Parteigegnern und -kollegen zur Subvention zu empfehlen. Es regiert der Mythos der großen Zahl. Daß so die gesellschaftliche Relevanz von kulturellen Institutionen mit dem Besucherumsatz verwechselt wird, ist eine der für die Kulturpolitik folgenschwersten Entwicklungen der Nachkriegszeit ... Die Manager der Kulturpaläste gehen mit ihren Besucherzahlen hausieren, um sich ihre Subventionen zu sichern. Damit tragen sie dazu bei, daß sich die Illusion der Rentabilität der Kulturinstitutionen breit macht... An die Stelle von künstlerischen und kulturellen Kriterien für die Gestaltung der Kulturpaläste tritt folgerichtig das Kriterium der Publikumswirksamkeit. Daraus folgt Opportunismus dem Besucher gegenüber.

Walter Grasskamp „Unser kultureller Notstand in Heft 4 von „L 76“.

Die Preise der Berlinale

Ein Außenseiter gewann den großen Preis der Berliner Filmfestspiele: Larissa Schepitkos „Aufstieg“ aus der Sowjetunion, eine mit christlicher Symbolik versetzte Partisanengeschichte aus dem Zweiten Weltkrieg. Immerhin bedeutet diese Entscheidung eine Ermutigung für weibliche Regisseure. Ihren Spezialpreis vergab die Jury unter dem Vorsitz des senegalesischen Regisseurs Ousmane Sembene (Mitglieder u. a.: Senta Berger, Ellen Burstyn, Fassbinder) an Robert Bressons „Der Teufel möglicherweise“. Als bester männlicher Hauptdarsteller wurde überraschend Fernando Fernán Gómez ausgezeichnet, der Titelheld der spanischen Isolations-Satire „Der Einsiedler“. Ungeteilten Beifall dürfte die Entscheidung für Lily Tomlin als beste weibliche Darstellerin finden. Ihre komödiantische Vielseitigkeit überzeugte in Robert Bentons „The Late Show“.

Büchner-Preis für Reiner Kunze

Ein zurückgezogenes Leben wolle er führen, abseits von Publicity und Lärm, erklärte der Lyriker Reiner Kunze nach seiner Ausweisung aus der DDR. Leicht gesagt. Publicity und Lärm holen den Dichter ein, schneller als ihm lieb sein mag. Nachdem ihm die Salzburger Landesregierung im Februar – Kunze lebte damals noch, mit Publikationsverbot, in der DDR – den „Georg-Trakl-Preis für Lyrik“ (zusammen mit Friedrike Mayröcker) verliehen hat, ist er jetzt mit zwei der begehrtesten Literaturpreise der Bundesrepublik Deutschland geehrt worden, mit dem Andreas-Gryphius-Preis, (10 000 Mark) und dem Büchner-Preis, der bei diesem Anlaß um das Doppelte erhöht worden ist, auf 20 000 Mark. Es wird ihm nicht so leicht fallen im Westen, sich „aus dem Literaturbetrieb herauszuhalten“, wie es Kunzes erklärte Absicht war und ist.

Mattes Ende ohne Matt

Endlich mochte auch Karpow nicht mehr. Nach 36 Zügen, also 36 Wochen, endete die Fern(seh-) Schach-Partie zwischen dem Weltmeister und der von Großmeistern unterstützten deutschen Schachgemeinde – remis. Ist das Ergebnis, zwar schachsportlich als großer Erfolg zu werten, so sind die Verantwortlichen bei dem vermittelnden Medium, beim NDR, nicht rundum zufrieden. Ihnen war das Spiel schließlich zu lang (36 Züge ist gerade Durchschnitt!) und wohl auch zu langweilig. Tatsächlich verlief die Partie weder besonders spektakulär noch schön; sie hatte um dem 20. Zug ihren spannenden Höhepunkt, als die Zuschauer den Weltmeister in solche Bedrängnis gebracht hatten, daß er sich nur mit einem Damenopfer (gegen Turm, Läufer und einen Bauern) retten konnte und die Partie in eine hoffnungslose Remis-Lage steuerte. Im 31. Zug offerierten die Zuschauer remis; aber der Weltmeister, der wenigstens selber das Ende bestimmen wollte, nervte die Fernsehleute und die Zuschauer noch fünf Züge, also fünf Wochen lang, mit Hin- und Hergeschiebe, bevor er mit remis einverstanden war. Zum Schluß beteiligten sich noch 200 Zuschauer aktiv an der Partie, am Anfang (siehe auch ZEIT Nr. 48/76) waren es bis zu 8000 gewesen. Ist das Experiment, in dem das Fernsehen wirklich einmal nur Medium gewesen war, gescheitert? Ein NDR-Sprecher: „Wir machen weiter mit Schach, aber anders. Wir wollen mehr Einfluß auf Dauer und Ablauf der Partien“. In der Weihnachtszeit wird in neun halbstündigen Sendungen ein Großmeisterturnier im Zeitraffer aufgezeichnet und von den Matadoren selber kommentiert.