Der Tod war in seinen Werken allgegenwärtig: als ein barbarischer, schmutziger Akt, als etwas, das über die Fassungskraft der Gefühle geht, als eine Zumutung an das Denken.

Einmal, in seinem Roman „Fahles Feuer“, hat er einen Verrückten auch einen angenehmen Tod erträumen lassen: „Der ideale Sturz ist der aus einem Flugzeug, Ihre Muskeln entspannt, Ihr Pilot perplex, den gefalteten Fallschirm abgestreift, abgeworfen, abgeschüttelt – leb wohl, schutka (kleiner Parachute)! Und abwärts geht’s, aber die ganze Zeit fühlen Sie sich ausgestreckt und getragen, während Sie in Zeitlupe wie eine schläfrige Purzeltaube Ihre Saltos schlagen und sich lässig auf den Eiderdaunen der Luft lümmeln oder faul umdrehen, um Ihr Kissen zu umarmen, jeden letzten Augenblick des weichen, tiefen, todgepolsterten Lebens genießend, die grüne Schaukel der Erde mal über, mal unter sich, und dann die wollüstige Kreuzigung, da Sie sich in der wachsenden Hatz, im nahenden Sausen strecken, und dann das Auslöschen Ihres geliebten Körpers im Schoße des Schöpfers...“

Am 2. Juli ist Vladimir Nabokov nach anderthalbjähriger Krankheit an einem Bronchialleiden in Montreux gestorben: einen ordinären Krankheitstod. Und wenn jene eine Stelle hier so ausführlich zitiert wird, statt die wenigen Zeilen zu füllen mit gepreßten Formeln über seine Bedeutung, dann nicht allein, weil ich sicher bin, daß diese sich schon bemerkbar machen wird, solange es Menschen gibt, die gern lesen, und die nicht nur lesen, um sich auf dem schnellsten Wege Informationen und Ideen einzuverleiben, sondern weil sie ein sinnliches Vergnügen empfinden beim Klang von Worten, beim Rhythmus von Sätzen, bei dem Reichtum und der Genauigkeit des Vokabulars, bei der kunstvollen Komposition von Themen.

In der Kunst wie in der Wissenschaft nämlich gebe es „keine Freude ohne das Detail... Sämtliche allgemeinen Ideen‘ (so leicht erworben, so gewinnbringend weiterveräußert) müssen notwendig abgegriffene Pässe bleiben, die ihren Inhabern den abgekürzten Weg von einem Bezirk der Ignoranz zum andern erlauben“ – so in dem vierbändigen Werk über Puschkins „Eugen Onegin“, so, dem Sinne nach, immer wieder. Nabokov war ein Feind alles Allgemeinen und aller Gemeinplätze. Die, die Literatur zu einem Instrument sozialer Nützlichkeit machen wollten, verspottete er als unbedarfte Banausen. Daß Literatur „einfach und aufrichtig“ zu sein habe, hielt er für ein epochales Mißverständnis – sie sei im Gegenteil komplex und trügerisch (eine seiner Formulierungen lautete: „eine Fata Morgana im Spiegel“), wo sie dauerhafter sein wolle als Journalismus. Gedanken oder gar „Botschaften“ zählten für ihn weniger als Stil; obwohl er selber alles andere war als ein „ungegenständlicher“ Schriftsteller. Neuerfindung der Realität hieß, sein Programm: „Der Schriftsteller muß sorgfältig die Werke seiner Rivalen studieren, eingeschlossen die des Allmächtigen. Er muß die angeborene Fähigkeit besitzen, die vorgefundene Welt nicht nur neu zu kombinieren, sondern neu zu erfinden. Um dies angemessen zu tun und keine doppelte Arbeit zu machen, sollte der Künstler die vorgefundene Welt kennen.“ Das bedeutete: genaueste Wahrnehmung, Mut zu den eigenen Beobachtungen und Assoziationen, strenge Arbeitsdisziplin und ein pedantisch instandgehaltenes Handwerkszeug – Nabokov war imstande, den „Webster“ zu lesen, um seinen Wortschatz zu erweitern und zu präzisieren, und keinem Kritiker, keinem Übersetzer ließ er eine bloß ungefähre Lösung durchgehen.

Das macht: er hatte eine wahre Höllenfurcht vor dem Klischee, der Phrase, der Vulgarität („bei einem Chicagoer Proletarier nicht seltener als bei einem englischen Herzog“), den griffigen Formeln, den trivialen Philosophemen; und ganz besonders verabscheute er die zu politischer Macht gekommene Vulgarität, ob braun oder rot – das Böse des Banalen.

Er liebte keine Seelenergießungen, entzog sich, ein Meister des Vexierspiels, allen Festlegungen und Rubrizierungen – und ist doch in jeder seiner Konstruktionen, in jedem seiner Sätze ganz unverkennbar gegenwärtig. Er erforschte Schmetterlinge, komponierte Schachaufgaben, ersann Spiegellabyrinthe aus Prosa. Seine Zu- und Abneigungen waren rigoros: Proust, Kafka, Joyce und Borges bewunderte er so, wie er Dostojewskij, Conrad und unzählige andere Größen verachtete. Einer Avantgarde, einer Bewegung gehörte er nie an; dafür hat er viele überlebt.

1899 wurde Vladimir Nabokov in Petersburg geboren, Sohn eines liberalen Rechtswissenschaftlers und Politikers. Er erbte ein gewaltiges Vermögen und verlor es ohne Bedauern durch die Oktoberrevolution gleich wieder. Auf einem Dörrobstfrachter entkam die Familie ins Ausland, und fortan hatte er reichlich Gelegenheit, seine polyglotte kosmopolitische Erziehung anzuwenden. In Cambridge studierte er französische Literatur und begann ernsthaft mit dem Schreiben, auf russisch, fünfzehn Jahre verbrachte er mit Englisch- und Tennisstunden in der russischen Emigrantenkolonie von Berlin, vor dem Hitler-Staat floh er aus Deutschland (das je wieder zu betreten er sich weigerte) erst nach Frankreich, 1940 weiter in die USA, und als er sich 1958 mit seinem zwölften Roman, der „Lolita“, endlich als amerikanischer Schriftsteller und in der Weltliteratur etabliert hatte, zog er sich in eine Hotelsuite in Montreux zurück, besitzlos, da doch nichts imstande war, ihm die verlorene „vollkommene Kindheit“ wiederzugeben, ein Mann aus einer versunkenen Welt, der bei der altmodischen Überzeugung blieb, daß das Dichtung genannte subjektivistische Produkt aus Phantasie und Präzision und einem auf die Einzelheit pochenden, traditionsbewußten Kunstverstand ein Leben wert ist, weil das Leben ohne es nichts wert ist. Dieter E. Zimmer