Ein Jahr nach der Reform des § 218 hat die Zahl der legalen Schwangerschaftsabbrüche zugenommen: Nach Schätzungen des Bundesfamilienministeriums werden es in diesem Jahr etwa 60 000 sein.

Trotzdem ist die Bilanz für die meisten betroffenen Frauen negativ. Wer in Bayern, Baden-Württemberg oder Rheinland-Pfalz lebt, findet häufig keine Hilfe. Der Süden gilt als „Notstandsgebiet“.

Das Ergebnis: Immer noch müssen fast genauso viele Frauen wie vor der Reform nach Holland fahren, weil sich die Verhältnisse kaum geändert haben.

Erfahrungen einer 17jährigen: Nur, wenn du dich sterilisieren läßt

Von Ronald Granz

Wo man früher Suppe kochte, nimmt eine Ärztin jetzt Urinproben, tastet die Gebärmutter einer Patientin,zur Schwangerschaftsbestimmung ab. Die Pro-Familia-Beratungsstelle in Koblenz logiert in einer renovierten Altbauwohnung. Im früheren Wohnzimmer hocken die Patientinnen. Heute acht, die Hälfte mit Schwangerschaftsproblemen. Die Zeit drängt. Sie hoffen, nach der Berätung schnell einen Arzt zugewiesen zu bekommen, der die Abtreibung vornimmt. Aber, was die meisten nicht wissen: in Koblenz steht kein Arzt bereit, der ihnen hilft. Was auf sie wartet, ist der Hauptbahnhof und dort ein Zug nach irgendwo. „Es ist wie beim Viehtransport“, sagt Ingeborg Müller, Leiterin der Beratungsstelle. „Die Frauen werden in den Zug gesteckt und gehen auf die Reise über die Landesgrenze, nach Frankfurt oder in eine Privatklinik im Odenwald.“

Die Beraterinnen der Koblenzer Pro-Familia-Stelle (Deutsche Gesellschaft für Sexualberatung und Familienplanung e. V.) sind seit rund einem Jahr im Einsatz. Aber sie wissen in Rheinland-Pfalz noch immer keine Klinik, keine Ärzte, die Frauen grundsätzlich im Konfliktfall helfen.